Leseprobe

 

1

Das Kassettendeck hustete, als hätte es sich verschluckt. Dann klickte es ein paarmal im Innern des betagten Autoradios – ein Zeichen, dass die Kassette umdrehte. Aus den Lautsprechern knisterte es, bevor ein geschmeidiger Swing-Rhythmus einsetzte, begleitet von einem jazzigen Klavierintro. Wie Fahrstuhlmusik, nur irgendwie heiterer. Marie zog die Handbremse, kuppelte aus und stellte den Motor ab. Mit den Händen auf dem Lenkrad hielt sie inne, schloss die Augen und atmete zweimal tief durch, während Chris Rea die ersten Liedzeilen sang. Jetzt, da sich das Band wieder erholt hatte und ruckelfrei lief, konnte man sogar den Text verstehen: „I’m driving home for Christmas …“

Marie schaltete das Autoradio aus. Ein Weihnachtslied im August! Nach Hause fahren – ganz ohne Geschenke, dafür aber mit dem gesamten Hausstand im Kofferraum. Willkommen in Langweiler, einem Kaff bei Idar-Oberstein irgendwo im Hunsrück.

In ihrer Tasche piepte es. Marie steckte die Hand hinein und zog das Handy heraus. Keine Nachricht, aber nur noch drei Prozent Akku und kein Empfang. Das könnte auch die Beschreibung meiner letzten Monate sein, dachte sie und löste den Sicherheitsgurt.

Die Stimme ihres Vaters klang ihr schon in den Ohren. Was machst du denn hier? Wie, du ziehst hier wieder ein? Vorübergehend? Wie lange soll dieses Vorübergehend denn sein? Und ihre Mutter würde sagen: Schön, Mäuschen, du bist wieder da. Dann machen wir es uns jetzt richtig gemütlich.

Widerwillig hievte Marie die müden Glieder aus dem mintgrünen Fiat Panda, zog ihre große Umhängetasche vom Beifahrersitz und drückte leise die Autotür ins Schloss. Es war mitten in der Nacht, und sie kam nach zehn Jahren wieder nach Hause zurück – richtig zurück, nicht nur auf Stippvisite wie sonst gelegentlich. Der Panda war fast genauso voll wie damals, als sie nach dem Abi und dem Freiwilligen Sozialen Jahr nach Köln aufgebrochen war. Am Tag, der der Beginn ihres neuen Lebens hätte werden sollen, hatten ihre Eltern in der Tür gestanden und ihr hinterhergewinkt. In Empfang nahm sie heute niemand. Das war vielleicht auch besser so. Marie war seit jenem Tag vor zehn Jahren zwar um zahlreiche Erfahrungen und einen Studienabschluss, aber auch um die Erkenntnis reicher, dass das Leben als solches doch unerwartet schwerer war, als sie immer gedacht hatte und ihre Eltern stets behaupteten. Klar hatte ihr Vater sie wiederholt darauf hingewiesen, dass ein Studium der Kunstgeschichte und Kulturanthropologie, noch dazu auf Magister, nicht gerade nach steiler Karriere klang – es sei denn, man hatte Verwandtschaft bei Sotheby’s oder bei den Hottentotten, deren Krempel es zu katalogisieren galt. Auch dass ein Blumenstrauß an unbezahlten Praktika nicht automatisch ein verzücktes Lächeln auf jedes Personalergesicht zaubern würde, hatte er ihr immer wieder prophezeit. Aber es war eben doch etwas anderes, diese Erfahrung selbst machen zu müssen.

Marie öffnete das Türchen im Zaun und schlich auf Zehenspitzen über die steinernen Bodenplatten aufs Haus zu. Die kleinen Kiesel knirschten unter den Sohlen ihrer Zehentreter, und außer dem leisen „Flupp-flupp-flupp“, das die Gummilatschen beim Gehen von sich gaben, war in der Stille nichts zu hören. Eine ganze normale Nacht im Hunsrück – in Köln machten jetzt gerade mal die Supermärkte zu.

So leise wie möglich steckte Marie den Schlüssel ins Schloss, doch kurz bevor sie ihn umdrehte, zögerte sie. Irgendwann, dachte sie und drehte den Kopf zur Seite, um einen Blick auf das handgetöpferte Namensschild zu werfen – „Hier leben, lieben und streiten die Schröders“ –, irgendwann muss ich eine falsche Abzweigung genommen haben, und seitdem laufe ich neben dem Weg her, der die anderen zu Glück, Reichtum und Erfolg führt.

Sie seufzte, drehte den Schlüssel um. Die Tür gab keinen Mucks von sich – natürlich nicht, denn wenn es etwas gab, worauf Olaf Schröder den gehobensten Wert legte, dann darauf, sämtlichen quietschenden Türen, Scharnieren und Schlössern im Haus den Kampf anzusagen.

Marie zog die Zehentreter aus und tippelte barfuß die Treppe zum ersten Stock hinauf. Heute Nacht wollte sie niemandem mehr begegnen – nicht ihrer Mutter, die sie seit Wochen nicht mehr zurückgerufen hatte, nicht ihrem Vater, der nichts ahnte von ihren Exmitbewohnern Klara und Luke und der Tatsache, dass man in der WG mehr Wert auf eine Spülmaschine als auf eine nette Mitbewohnerin gelegt hatte.

Sie schlich mit angehaltenem Atem am Elternschlafzimmer vorbei den Flur entlang, bis sie an der letzten Tür zum Stehen kam. Behutsam drückte sie die Klinke hinunter, stahl sich ins Zimmer und atmete erst wieder aus, als sie die mit alten Aufklebern aus Duplo-Riegeln übersäte Tür geräuschlos hinter sich geschlossen hatte.

In ihrem Zimmer war es stickig, das Bett ungemacht. Kein Wunder – ihre Mutter hatte ihr mal prophezeit, sie würde diese Kammer des Schreckens nie wieder betreten, nicht einmal, wenn die Apokalypse unmittelbar bevorstünde und sich in Maries Kinderzimmer die ultimative Waffe gegen den drohenden Untergang befände. Damals hatte Maries Mutter herausgefunden, dass ihre Tochter die belegten Brote, die sie ihr in der Unterstufe noch jeden Morgen geschmiert hatte, in der Schule nicht etwa aufgegessen, sondern nach Schulschluss in der untersten Schublade ihres Schreibtischs deponiert und sich selbst und den Naturgesetzen überlassen hatte. Was Maries Mutter damals falsch verstanden hatte: Marie wählte die Schublade nicht aus mangelnder Wertschätzung, sondern gerade weil sie sensibel genug war zu wissen, dass es nicht die feine Art gewesen wäre, die Brote der Mutter einfach wegzuwerfen. Was konnte sie dafür, dass man mit Reformhauslebensmitteln so schlechte Karten an den Tauschbörsen der großen Pause hatte? Ein staubtrockenes Roggendinkel mit einer geschmacklosen vegetarischen Paste wollte nun mal niemand gegen ein saftiges Sesambrötchen mit Salatblatt, zwei Scheiben Gouda und einem halben Ei eintauschen. Das war kein Geheimnis, das war freie Marktwirtschaft. Doch das war Maries Mutter ziemlich egal gewesen – und sie hatte ihr die Geschichte bis heute nicht ganz verziehen. Im Gegensatz zu den vielen anderen kleinen Dingen, die ihre Mutter gerne mal vergaß, konnte sie sich daran sogar noch nach zwanzig Jahren erinnern.

Was besonders bitter an der ganzen Sache war: Nur wenige Jahre später war Marie zu einer echten Umweltaktivistin geworden, mit „Atomkraft? Nein danke“-Aufnähern auf dem grünen Armeerucksack und einer guten Dekade ohne Fleisch. In dieser Zeit hätte sie das Roggendinkel ihrer Mutter gelobt und gepriesen, ehe sie es andächtig verzehrte – aber was wusste man als Zwölfjährige schon über die Qualen des Erwachsenwerdens.

Marie hatte das kleine Zimmer mit ein paar Schritten durchquert, vorbei an den wackligen Holzregalen mit den alten Kinderbüchern, der Kommode von IKEA, die sie in einem Anfall von geistiger Umnachtung irgendwann einmal sonnenuntergangsrot gestrichen hatte, und dem Schreibtisch, auf dem ihr Vater, der mit Pausenbroten oder der Intimsphäre seiner Tochter nie ein Problem gehabt hatte, die Post für Marie sammelte, die immer noch hierhergeschickt wurde: Briefe von der Kreissparkasse in Idar-Oberstein zum Beispiel, wo sie vor mehr als zwei Jahrzehnten ihr erstes Taschengeldkonto eröffnet hatte. Wenn sie sich nicht täuschte, hatte sie das Konto nie aufgelöst, und genau aus diesem Grund wurde ihr wohl auch immer noch Monat für Monat das KNAX-Heft zugeschickt, genau wie die Kontoauszüge. Allen Inflationsgerüchten zum Trotz hielt sich auf ihrem Sparbuch Jahr für Jahr stabil die beachtliche Summe von 117,42 Euro.

Sie machte das Fenster auf und ließ warme Nachtluft in das Zimmer strömen. Dann öffnete sie Knopf und Reißverschluss ihrer Hose, streifte sie ab und ließ sie einfach zu Boden fallen, drehte sich zur Kommode um und wühlte in der obersten Schublade nach einem Schlaf-T-Shirt, dem vom Schwarzenbruch-Lauf, bei dem sie vor ein paar Jahren einmal mitgelaufen war. Nicht weil sie eine begnadete Läuferin gewesen wäre, sondern weil ihr Vater sich erst angemeldet und unmittelbar darauf unglücklicherweise einen Bänderriss zugezogen hatte. Damals hatte er sich wohl gedacht, dass es Verschwendung wäre, wenn das Startgeld von dreißig Euro einfach so flöten ginge, und Marie kurzfristig per SMS den Termin mitgeteilt. Kommentar- und anstandslos war sie an einem Wochenende im Mai von Köln nach Idar-Oberstein gefahren und hatte sich an den Start gestellt.

Natürlich war sie allen frenetischen Anfeuerungsversuchen ihres Vaters vom Wegesrand aus zum Trotz niemals am Ziel angekommen. Genervt und frustriert, kurz vor dem Kollaps und schwer kurzatmig war Marie irgendwann in den Wald abgebogen und hatte sich hinter einer Buche versteckt, bis alles vorbei gewesen war. Als sie schließlich die Ziellinie erreicht hatte, war ihr Vater längst verschwunden gewesen. Angesprochen hatte den Schwarzenbruch-Lauf seitdem glücklicherweise niemand mehr. Nur noch das T-Shirt war stummer Zeuge.

Marie zog vorsichtig die Zimmertür wieder auf und schlich über den Flur in Richtung Badezimmer. Sie wusste, irgendwo in einem Fach des Spiegelschranks lagerte immer noch eine alte Zahnbürste, außerdem ausrangiertes Waschzeug und ihre Bürste – alles zwar tief aus den Neunzigern, aber für heute Nacht würde es reichen. Morgen würde sie ihren Eltern dann in aller Ruhe und mit der nötigen erwachsenen Haltung erklären, dass sie für kurze Zeit hier zwischenlanden wollte – natürlich nur übergangsweise, bis sie etwas anderes gefunden hätte. Maximal für zwei Wochen. Auf gar keinen Fall länger.

Vor der Badezimmertür blieb Marie verwundert stehen. Das Mondlicht fiel durch das Fenster im Flur und erhellte den langen Gang, doch unter der Tür hindurch, die ins Badezimmer führte, fiel ein Streifen goldfarbenen Lichts auf den dunklen Teppich. Marie stutzte. Hatten ihre Eltern vergessen, das Licht im Bad zu löschen? Vermutlich – in den letzten Jahren war es gerade ihrer Mutter immer häufiger passiert, dass sie Schlüssel in Türschlössern stecken ließ, die Brille im Gefrierfach verlor oder in Pantoffeln das Haus verließ. „Ich hab halt immer so viel im Kopf“, rechtfertigte sie sich, aber Marie hatte sich nicht nur einmal gedacht, dass Älterwerden offenbar so manche Tücke mit sich brachte.

Noch während unten im Wohnzimmer die große Standuhr anschlug und Marie ungefragt mitteilte, dass es inzwischen halb zwei war, schüttelte sie die Gedanken an ihre schusselige Mutter ab, drückte die Klinke zum Badezimmer hinunter und schob die Tür auf.

Auf der Toilette saß jemand. Und dieser Jemand war kein Mitglied von Maries Familie. Sie kannte niemanden, der großgeblümte Nachthemden trug, und sie hatte auch noch nie in ihrem Leben jemanden so auf der Toilette sitzen sehen: auf Zehenspitzen, die Füße fast senkrecht aufgerichtet, die Knie aneinandergedrückt, Oberschenkel zusammen, mit kerzengeradem Oberkörper und ein paar Blatt ordentlich gefalteten Klopapiers in der Hand.

„Papier ist alle“, sagte die Frau mit dem verwuschelten rotbraunen Pagenschnitt und zog ihr Nachthemd mit beiden Händen so weit wie möglich über die Knie.

„Ich geh holen“, erwiderte Marie, ohne auch nur darüber nachzudenken, machte zwei Schritte rückwärts in den Flur und zog die Tür hinter sich zu. „Entschuldigung“, raunte sie noch – dann hielt sie abrupt inne. War sie im falschen Haus gelandet? Diese Eigenheime aus den Siebzigern sahen ja irgendwie alle gleich aus. Links neben der Eingangstür das Gäste-WC, gegenüber die Garderobe, dann eine Tür, die zur Küche mit Durchreiche, Esszimmer und offenem Wohnzimmer führte. Im Obergeschoss drei Zimmer, ein großes für die Eltern, zwei kleinere für die deutschlandweit durchschnittlichen 1,38 Kinder, die in jeder gutbürgerlichen Familie zu erwarten waren, außerdem ein Bad mit zwei Waschbecken, Badewanne, Dusche und Bidet. Mit etwas Glück gab es noch einen Dachboden, den man irgendwann, wenn die Kleinen aus dem Gröbsten raus waren, ausbauen konnte, und einen trockenen Keller, den man in einem Alter, in dem man jeder sportlichen Aktivität eigentlich längst abgeschworen hatte, zu einem Fitnessraum umfunktionieren konnte.

Aber nein. Ein Irrtum in puncto Haus war ausgeschlossen. Ihr fielen die Duplo-Klebebilder an ihrer Zimmertür wieder ein.

Doch wer war dann die Frau? Marie erschauderte, als sie unwillkürlich an ihre Ex-WG denken musste. Da hatte es ständig passieren können, dass man irgendeinen wildfremden Besuch im Bad überraschte – die Badezimmertür abzuschließen hatte bei Klara und Luke als bourgeois und Merkmal egozentrischen Rückzugsdenkens gegolten. Doch nicht bei ihren Eltern, in Langweiler, wo Zucht und Ordnung herrschten. Konnte es sich um eine vergessene Verwandte handeln? Prinzipiell war das möglich, aber unwahrscheinlich, denn seit der Sache mit dem Familiengrab – oder besser: dessen zwanzigjähriger Miete, die Tante Gudrun gern mit ihrem Bruder geteilt hätte, der jedoch seine Überreste lieber auf dem Meer verstreut wissen wollte – war zumindest der väterliche Teil der erweiterten Familie für die Schröders Luft. Erika Schröder war Einzelkind gewesen, weshalb ihr Stammbaum längst zu Brennholz hätte verarbeitet werden können – wenn da nicht noch irgendeine angebliche Cousine in Neuseeland wäre.

Nachdem die Frau auf der Toilette ein Nachthemd getragen hatte – wenn auch ein scheußliches –, konnte Marie einen Einbruch so gut wie ausschließen, und weil ihre Eltern nur Freunde vor Ort hatten und kaum jemanden von weiter weg kannten, konnte es sich wohl auch nicht um einen Übernachtungsbesuch handeln. Demnach, schlussfolgerte Marie, musste die Frau – von wegen Zucht und Ordnung, ha! – die Geliebte ihres Vaters sein. Oder ihrer Mutter. Und das wiederum war eine mehr als spannende Angelegenheit, die Marie dazu veranlasste, die Tür mit Schwung wieder aufzustoßen.

Die fremde Frau saß immer noch mit angezogenen Beinen auf der Schüssel. Wenn das die Liebhaberin meines Vaters ist, dachte Marie mit rein akademischem Interesse, dann wäre hiermit zumindest die Theorie widerlegt, dass Männer bei ihren Affären eine bessere oder zumindest jüngere Version der eigenen Ehefrau zu finden hoffen. Stattdessen nehmen sie die alte Version mit weniger Busen und größeren Pfingstrosen auf dem Nachthemd.

„Entschuldigung, wenn ich noch einmal störe“, sagte Marie betont freundlich, „aber wie, sagten Sie gleich wieder, war Ihr Name?“

Zu Maries Überraschung stiegen der Frau Tränen in die Augen.

„Mein Mann hat mich verlassen“, wimmerte sie, und eine Sekunde später liefen ihr die ersten Sturzbäche über die Wangen. „Ich dachte, wenn ich nur ein wenig …“

Marie machte schnell einen Schritt ins Bad hinein und schob die Tür hinter sich zu, bevor das Gewinsel noch jemanden aufweckte. Ein gewaltiger Weinkrampf schüttelte die Frau inzwischen so heftig, dass Marie die Luft anhielt.

Vielleicht war sie ja doch im falschen Haus gelandet. Vermutlich war sie einfach nicht die einzige renitente Jugendliche gewesen, die ihre Zimmertür mit Aufklebern bepflastert hatte. Oder sie war im richtigen Haus, aber ihre Eltern lebten nicht mehr hier – was zwar bemerkenswert wäre, aber immerhin erklären würde, wieso ihre Mutter in den letzten Wochen so oft versucht hatte, sie zu erreichen.

Sie kam nicht mehr dazu, diesen Gedanken weiterzuverfolgen, denn im selben Moment ging die Tür erneut auf, und Maries Vater betrat mit nacktem Oberkörper und knappen Shorts das Bad.

Die Frau auf dem Klo verschluckte sich und hustete laut auf, und Marie wäre fast das Gleiche passiert. So an- oder, besser gesagt, ausgezogen hatte sie ihren Vater zuletzt im Bodenseeurlaub 1996 gesehen.

„Was ist denn hier los?“, polterte Olaf Schröder, der seiner Meinung nach der Einzige in der Familie war, der Situationen anstandsgemäß aufzuklären vermochte. Sogar in diesem Aufzug.

„Wer ist das?“, entgegnete Marie betont ruhig und ließ sich nicht anmerken, wie sehr der Anblick des nackten väterlichen Oberkörpers sie verstörte. Und die Shorts waren wirklich mächtig knapp. Auch wenn sie zugeben musste, dass ihr Vater immer noch beeindruckend gut in Form war. Die kurzen grauen Haare standen ihm, sie ließen ihn weicher wirken – auch wenn es sich dabei um eine optische Täuschung handeln musste. „Deine Geliebte?“

„Geliebte?“ Jetzt drang auch die Stimme von Maries Mutter ins Badezimmer, und gleich darauf quetschte sich der kleine, kräftige Leib von Erika Schröder in zartrosafarbenem Jersey ins Badezimmer, das für vier Erwachsene eindeutig zu eng konzipiert war, selbst wenn eine dieser Personen gerade auf der Toilette saß. „Wo ist Papas Geliebte? Ich will sie sehen.“

„Erika“, hob Olaf Schröder beschwichtigend an, doch vom stillen Örtchen her ertönte ein immer lauter werdendes Schluchzen, das ein klärendes Gespräch mehr oder minder unmöglich machte.

Marie stand wie vom Donner gerührt da, sah abwechselnd von ihren Eltern zu der fremden Frau und hätte nicht sagen können, was sie mehr verwirrte: dass ihre Eltern nun doch noch hier wohnten oder dass sie mittlerweile zu dritt waren.

„Mich würde viel mehr interessieren, was du hier machst“, sagte Maries Vater, der die Frage seiner Tochter entweder überhört oder ignoriert hatte oder beides, und aus seinem vorwurfsvollen Tonfall schloss Marie messerscharf, dass sie die drei wohl wirklich in flagranti bei irgendetwas erwischt hatte, was Eltern ihrer Meinung nach für sich behalten sollten.

„Wonach sieht es denn aus?“, gab Marie zurück. „Ich besuche euch.“

Das war nicht ganz gelogen. Wenn man zu jemandem fuhr und ein paar Tage blieb, ohne tatsächlich dort zu wohnen, dann war das ein Besuch. Fand Marie.

„Hast du zugenommen?“, schob Erika Schröder die Frage dazwischen, die sie offensichtlich am brennendsten interessierte, und musterte Marie dabei von oben bis unten.

„Hast du keine Arbeit mehr? Bist du deswegen hier?“, legte Maries Vater sofort nach.

„Hat irgendjemand Klopapier?“, kam es von der Toilette.

Marie stemmte die Hände in die Hüften. „Ich habe nicht zugenommen. Und einen Job habe ich auch. Also, demnächst. Aber jetzt sag mir bitte endlich jemand, wer diese Frau auf meiner Toilette ist.“

„Auf unserer Toilette“, verbesserte Erika sie.

„Auf meiner, um genau zu sein“, ergänzte Olaf, und Marie seufzte auf.

„Ich bin Britta“, sagte die Frau auf dem Klo und strich sich verlegen das Nachthemd über den Oberschenkeln glatt. „Ich bin ebenfalls zu Besuch.“ Dann fing sie wieder an zu weinen.

„Sie wohnt hier“, erklärte Erika über das Schluchzen hinweg.

„Kurzzeitig. Eine Notsituation“, sagte Olaf.

„Das erklärt immer noch nicht, warum du zugenommen hast.“ Maries Mutter beugte sich interessiert nach vorn.

„Ich hab nicht zugenommen, verdammt noch mal“, stöhnte Marie, doch da hatte die Mutter ihr schon in die Hüfte gekniffen.

„Pah! Hast du wohl.“

Nur Maries gute Kinderstube und die Tatsache, dass eine Frau in einem Pfingstrosennachthemd vor ihr auf der Toilette saß, verhinderten, dass Marie der Hüfte ihrer Mutter die gleiche Behandlung angedeihen ließ.

„Du kriechst hier unter“, stellte Olaf Schröder fest.

„Ich krieche nicht hier unter“, entgegnete Marie und biss die Zähne zusammen. „Ich besuche euch.“

Sie versuchte sich an einem Lächeln, doch es wollte ihr nicht recht gelingen, das konnte sie im Spiegelschrank an der gegenüberliegenden Wand nur zu genau erkennen.

„Fragt sich nur, für wie lange“, fiel Erika ein und beugte sich verschwörerisch zu ihrem Mann hinüber. „Der Panda steht vor dem Haus und ist voll bis unters Dach. Ich hab aus dem Fenster geguckt.“

„Du hast …“, wollte Marie schon ansetzen, wurde aber erneut unterbrochen.

„Kann ich bitte mehr Klopapier haben?“, fragte die Frau auf der Schüssel.

Marie trat vor ans Badezimmerregal und griff nach der dort deponierten Ersatzrolle, die sie Britta kommentarlos hinhielt. Der ganze schöne Plan mit der unauffälligen Ankunft, das Einschleichen – alles umsonst. Es stimmte, Marie hatte ihr gesamtes Hab und Gut dabei, all ihre Besitztümer. Kisten voller Unterlagen, CDs, handgeschriebener Glückwunschkarten, Ordnern mit Sozialversicherungs- und Steuer- und Studienunterlagen, ein paar Teller, Tassen und Gläser, Taschen und Tüten mit Klamotten, sogar die für den Winter, ihr Lieblingsbild von Sanne und ihr, als sie in Sannes altem Opel Astra vier Wochen lang durch Italien gefahren waren, geschlafen, gegessen und gelebt hatten, bis Sanne in Reggio Calabria Lucio kennengelernt und beschlossen hatte, mit ihm nach Sizilien zu gehen.

Warum bin ich nicht einfach bis nach Italien durchgefahren?, fragte Marie sich jetzt im Stillen.

„Hab ich’s doch gewusst“, beendete Olaf die Diskussion, „du kriechst sehr wohl hier unter.“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand aus dem Badezimmer.

In der Ecke auf dem stillen Örtchen seufzte Britta vernehmlich, und Erika beugte sich zu ihrer Tochter vor. „Mach dir nichts draus, du kennst ihn ja. Morgen früh sieht die Welt schon wieder anders aus. Schön, dass du da bist, Mäuschen! Jetzt machen wir’s uns alle zusammen richtig schön. In deinem Zimmer kannst du allerdings nicht schlafen. Da wohnt jetzt Britta.“

Marie sah auf, erst in das freundliche Gesicht ihrer Mutter, dann hinüber zur Toilette, wo der Pfingstrosenalbtraum zum Zeichen der Dankbarkeit die Hand erhob.

„Ihr habt ihr mei…“

Doch schon zum zweiten Mal an diesem Abend wurde Marie unterbrochen. „Es ist nicht mehr dein Zimmer.“

„Aber es steht mein Name an der Tür.“

„Da stehen auch die Namen von Gary, Howard, Jason, Mark und Robbie, und trotzdem erheben sie keine Besitzansprüche. Geh in Tinas Zimmer, Mäuschen! Gute Nacht, Kuss, Kuss!“

Die Mutter warf ihr zwei Luftküsschen zu und verließ im Rückwärtsgang das Badezimmer.

Marie stand noch einen Augenblick lang schweigend in der Tür und gratulierte sich insgeheim zu der Entscheidung, die große Offenbarung auf den morgigen Tag verschoben zu haben. Dann verließ auch sie das Bad und lief über den Flur bis zu der Tür, in die sie vor einer Ewigkeit die Namen der fünf Take-That-Mitglieder eingeritzt hatte. Das hatte Ärger gegeben, und bis heute schien die Angelegenheit brisant genug zu sein, um bei der erstbesten Gelegenheit erneut aufs Tapet gebracht zu werden. Aber zum Glück, dachte Marie, werde ich mich mit derlei uralten Vorwürfen nicht mehr lange herumschlagen müssen. Ich bin fast dreißig, habe einen Uniabschluss und stehe auf eigenen Beinen. Wenn auch knietief im Dispo.

Sie packte die wenigen Habseligkeiten aus ihrem alten Kinderzimmer zusammen und wanderte nach nebenan ins Zimmer ihrer Schwester, legte sich in das ordentlich gemachte Bett und starrte die Leuchtsterne an der Decke an.

Zwei Wochen, dachte sie, allerhöchstens. Dann bin ich wieder weg.