Leseprobe

 

Leinen los

Ich stand an Deck der MS Vespucci und klammerte mich an die Reling. Wir lagen vor der mexikanischen Küste im Pazifischen Ozean und hatten zwar nicht die Pest an Bord, dafür aber drei Meter hohe Wellen, die mit lautem Krachen über dem Pooldeck zusammenbrachen. Für einen Mediziner vielleicht sogar das größere Problem. Der Tropensturm blies uns immerhin mit Windstärke 7 entgegen.

„Drei Meter hohe Wellen?“, hörte ich meine liebe Gerdi schon lästern, die sich wieder einmal dafür entschieden hatte, lieber daheim zu bleiben und den Reifeprozess der Tomaten mit Argusaugen zu überwachen, anstatt mich auf diese Reise nach Mittelamerika zu begleiten. „Was sind schon drei Meter? Selbst meine Gurken ranken höher!“

Für jemanden, der noch nie zur See gefahren ist, hören sich drei Meter vielleicht nicht viel an. Aber wenn Sie das nächste Mal im Schwimmbad sind, klettern Sie doch mal auf das Drei-Meter-Brett. Stellen Sie sich an die Kante des Sprungbretts und stellen Sie sich vor, dass Sie alle zehn Sekunden wie von Geisterhand rüde ins Wasser geschubst und nach Eintauchen sofort wieder hoch aufs Brett gezogen werden. Ich verspreche Ihnen, „drei Meter“ haben dann eine ganz andere Wirkung auf Sie. Dazu schüttete es wie aus Eimern, und mein gelber Friesennerz hatte den Kampf gegen die Gezeiten schon vor Stunden aufgegeben.

„Wärst du mit deinem Hintern mal besser zu Hause geblieben“, würde meine liebe Gattin jetzt sagen. „Da kann einem höchstens mal ein Apfel auf den Kopf fallen.“

Ich konnte mir ihren Gesichtsausdruck schon vorstellen, den sie aufsetzen würde, wenn ich ihr von dieser Berg- und Talfahrt erzählen würde.

„Wieso nicht mal nach Mallorca? Oder in die Steiermark? Wir könnten ja auch mal da Urlaub machen, wo andere Leute hinfahren. Normale Leute.“

Am besten erfuhr sie niemals von diesem kleinen Zwischenfall. Solange Wind und Wellen keinen von uns über Bord stießen, war auch keine Gefahr in Verzug. Sah man einmal davon ab, was sich im Inneren des Schiffes zusammenbraute: Die meisten Gäste an Bord und sogar einige der erfahrenen Besatzungsmitglieder reagierten gar nicht gut auf das ständige Auf und Ab, das uns seit mehreren Stunden quälte. Eigentlich gab es fast niemanden mehr, der die letzte Mahlzeit, das Frühstück vor ein paar Stunden, noch bei sich behalten hatte. Was wiederum zu einem ganz anderen Problem führte: Übelkeit und Erbrechen mündete langfristig in Dehydration, besonders bei älteren Menschen. Und von denen gab es an Bord der MS Vespucci reichlich.

Wie sollte ich die Situation in den Griff bekommen? Von medizinischer Seite aus wäre es dringend nötig gewesen, die schwächsten der heftig unter der Seekrankheit Leidenden an einen Tropf anzuschließen und ihnen so Flüssigkeit zuzuführen. Aber wie sollte ich bei dem Wellengang in die Kabinen gelangen? Geschweige denn die Venen treffen? Dabei bedeutete es mir alles, jeden Einzelnen meiner Mitreisenden wohlbehalten zum Zielhafen zu bringen.

Ich sah zum Himmel. Dunkle Wolken türmten sich dort auf, Blitze zuckten hinab aufs Meer. Durch die schwarzen Ungetüme, die sich am Horizont ballten, schob sich Gerdis Gesicht. „Unmöglich, dieser Mann!“, schimpfte sie. „Lässt sich lieber an der Reling bis auf die Unterhose aufweichen, anstatt sich drinnen aufzuwärmen. Jetzt geh endlich wieder rein. Oder wie soll ich deinen Töchtern erklären, dass du als ausgebildeter Allgemeinarzt bei einem deiner wilden Abenteuer wegen einer Lungenentzündung ins Gras gebissen hast?“

Manchmal war es vielleicht doch nicht so schlecht, allein zu verreisen. Die Vorstellung, dass mir Gerdi mit ihren Vorwürfen, ich würde mich nicht genug um mich selbst kümmern, in den Ohren lag, ließ mich sauer aufstoßen. Na gut, vielleicht war dies auch dem letzten Kaventsmann geschuldet, der unser Schiff gerade durchgeschüttelt hatte.

„Doc!“, rief da eine Stimme von hinten. „Sie sollen sofort auf die Brücke kommen. Der Kapitän …“ Er verstummte.

Na wunderbar. Der Erste Offizier und der Chefingenieur hatten sich vor Stunden würgend in ihre Kabinen verabschiedet, der Hotelmanager war seit dem Morgen außer Gefecht gesetzt. Fast die Hälfte der Crew litt unter heftiger Seekrankheit – wie viele Passagiere betroffen waren, war nicht mehr zu ermitteln. Vermutlich alle, denn die Reisenden waren nun wirklich nicht an das Schlingern des Schiffes gewöhnt und litten schon bei spiegelglatter See unter Symptomen.

Mit aller Kraft schob ich mich Wind und Regenfluten trotzend an der Reling entlang, um dem Matrosen zur Brücke zu folgen. Ich praktizierte auf meinen Berufsreisen schließlich nach dem Motto: Solange der Schiffsarzt noch aufrecht steht, geht hier keiner mit den Füßen voran von Bord – und bislang war ich damit sehr gut gefahren.

Kurz vor der Brücke erstarrte der Matrose plötzlich wie vor Ehrfurcht. Dann wandte er sich langsam zu mir um. „Das ist Montezumas Rache, Doc!“, rief er gegen den Sturm an und sah dabei ganz grün im Gesicht aus. Zwei Sekunden später übergab er seinen Mageninhalt den Naturgewalten.

Das war der Moment, in dem ich mich fragte: Wie zum Teufel bin ich eigentlich hierhergekommen?