Leseprobe

 

Kapitel 1

Als ich und meine beiden Schwestern noch klein waren, nahmen uns unsere Eltern häufig mit in die Praxis. Das war eine zauberhafte, eine wunderbare Welt! Überall standen geheimnisvolle Skelette und Wirbelsäulenmodelle herum. Es gab seltsam aussehende Instrumente, spitze und stumpfe, glänzende und schimmernde Gegenstände, massenhaft Rezeptblöcke in den Farben des Regenbogens, brummende Sterilisationsgeräte und summende Blutzentrifugen und allerlei andere Dinge, die uns Kindern Rätsel aufgaben. Wo ging das Blut hin, nachdem es aus dem Körper in ein kleines Plastikgefäß gezogen worden war? Wenn man wie Frau Heuer jeden zweiten Montag zum Blut abnehmen kam, war man dann nicht irgendwann leer? Was war der Unterschied zwischen den rosafarbenen und den gelben Zetteln, mit denen manche der Leute, die meinen Vater so zahlreich besuchten, in der Hand verschwanden? Warum wollten überhaupt so viele Leute unseren Papa sehen? Wir hatten viele Fragen. Und trauten uns oft nicht, sie zu stellen, weil wir instinktiv merkten, dass unser Vater jemand war, den man bei seiner wichtigen Arbeit besser nicht störte.

Mein Vater war mein größter Held. Wenn ich wieder einmal einen Nachmittag in der Praxis verbrachte, schlich ich mich, bevor ich als feste Mitarbeiterin und Stenografin fest angestellt wurde, in die Behandlungsräume und versteckte mich hinter dem EKG, um keinen Augenblick seines heldenhaften Einsatzes am Patienten zu verpassen. Stundenlang konnte ich ihm dabei zusehen, wie er Blutdruck maß. Ich liebte das dumpfe Klirren, das entstand, wenn er, bevor er eine Spritze aufzog, mit seinem Zeigefinger zweimal vorsichtig gegen die Glasampulle schnippte. Die Spachtel, mit denen er den Patienten, denen er in den Rachen schauen musste, die Zunge runterdrückte, klaubte ich am Ende des Tages heimlich aus dem Mülleimer und schmuggelte sie unter dem T-Shirt in die Wohnung, wo ich sie in einem geheimen Versteck hinter dem Bett als Trophäen hortete.

Das Stethoskop war für mich jedoch das spannendste Instrument der ganzen Praxis. Manchmal, wenn ich ihm nicht auf den Finger gebissen hatte, wenn er versuchte, meine geschwollenen Mandeln zu sehen, erlaubte mir mein Vater, mein eigenes Herz damit abzuhören. Fasziniert von dem rhythmischen Schlagen wurde ich so minutenlang auf der Behandlungsliege geparkt, bis ich unruhig wurde, während mein Vater in stoischer Gelassenheit mit seiner winzigen, vollkommen unleserlichen Schrift seinen Befund in meine Krankenakte kritzelte. Die sehr dünn war. Denn ich wurde selten krank genug, um mich in ärztliche Obhut zu begeben, und noch seltener wurde ich von ihm behandelt. Und wenn doch, dann konnte ich mir immer sicher sein, dass er der Kasse garantiert den Wochenend- und Nachtzuschlag und mir später sogar die vollen zehn Euro Praxisgebühr berechnete.

An richtig guten Tagen, wenn ich mich nicht danebenbenommen, nicht genervt und nicht gequengelt oder die komplette Praxis zusammenbrüllt hatte, weil er versuchte, mir einen angetrockneten Verband vom Knie zu ziehen, durfte ich während der Behandlung eines Patienten sogar im Zimmer bleiben. Ich saß dann an meinem kleinen Kindertisch, über und über mit Malstiften und Papier übersät, und tat so, als sei ich die wichtige Assistentin, die die wichtige Arbeit dieses wichtigen Mannes protokollierte. Wenn mein Vater gute Laune hatte, drehte er sich während seiner Untersuchung manchmal zu mir um und sagte: „Caro, hast du das notiert? Herr Rübsal hat einen zu hohen Blutdruck.“

Ich nickte ihm dann hochkonzentriert zu und beugte meinen Kopf weit über das Papier, um aufzuschreiben, was er mir diktiert hatte.

Nicht, dass ich schreiben konnte. Aber mir war klar, dass ihm jemand zur Hand gehen musste, wenn meine Mutter, eine ausgebildete Physiotherapeutin und damit (wie Anästhesisten, Dermatologen, Psychiater und Pharmazeuten) zum Berufsstand der „unechten Ärzte“ gehörend, schon an der Anmeldung saß und die Organisation des Ladens übernahm. Um die Mittagszeit hastete sie immer nach oben in die Wohnung, stellte sich an den Herd und zauberte uns etwas aus der Tiefkühltruhe. Meistens wurde sie jedoch, noch bevor sie mit Kochen fertig war, von meinem Vater über die Sprechanlage, in der seine Stimme immer so seltsam fremd und blechern klang, nach unten gerufen. Das Essen brannte dann oft an, und als meine Mutter den x-ten Topf mit am Boden angebackenen Gulasch frustriert in die Mülltonne warf, stiegen wir, zumindest während der Praxiszeiten, auf Butterkekse um. Erst als meine Schwester Anne meine Mutter eines Tages fragte, warum es bei anderen Familien Nudeln, Pommes und Fischstäbchen zu essen gab, bei uns aber immer nur Butterkekse, stellte sie eine Haushaltshilfe und mein Vater eine Arzthelferin in Teilzeit ein.

Trotzdem übernahm meine Mutter, gerade in den ersten Jahren, in denen mein Vater als niedergelassener Allgemeinmediziner arbeitete, einen großen Teil der organisatorischen Arbeit. Wir verbrachten oft ganze Tage in der Praxis, mein Vater, meine Mutter, meine zwei Jahre jüngere Schwester Juliane und ich, und Anne, die Jüngste, die meistens krank war, und deswegen hinter den Aktenschränken an der Anmeldung, gut versteckt vor den neugierigen Blicken der Patienten, leise jammernd vor sich hinfieberte.

Anne war ein blasses, irgendwie zu klein geratenes Mädchen, das schon im Säuglingsalter mit einem unreifen Magen auf sich aufmerksam machte. Zugegeben, sie hatte es auch nie leicht mit zwei älteren Schwestern, die ihr bei jeder Gelegenheit Murmeln in die Nase steckten oder versuchten, sie mithilfe eines Topflappens in Krokodilgestalt so dolle zu erschrecken, dass ihr ätzender Schluckauf endlich versiegte. Sie wog etwa die Hälfte von Juliane und damit etwa ein Viertel von mir, hatte ständig Nasenbluten, wirkte unfassbar zerbrechlich und war im Laufe ihrer Kindheit so oft krank, dass mein Vater von Zeit zu Zeit behauptete, sie könne nicht aus seiner Familie stammen.

„Von mir kannst du das nicht haben! Vermutlich haben wir dich doch eines Morgens in einem Weidenkörbchen vor der Haustür gefunden, oder du wurdest im Krankenhaus vertauscht. Oder du bist eben doch vom Milchmann“, lachte er manchmal, und gab meiner den Kopf schüttelnden Mutter einen Klaps auf den Hintern.

Anne zu Ehren erfand mein Vater sogar eine Krankheit, die Annemie, die auf einen allgemein eher schwächlichen Gesundheitszustand zurückzuführende chronische Erkrankung des gesamten Körpers. Juliane und mich machte das furchtbar wütend, denn nach uns hatte er keine Krankheit benannt. Und immerhin leistete Anne, im Gegensatz zu uns, keinen weiteren Beitrag zur familiären Gemeinschaft. Ständig war sie krank und beanspruchte die hundertprozentige Aufmerksamkeit unserer Mutter und manchmal sogar, wenn es ihr wirklich richtig dreckig ging, unseres Vaters für sich.

Dass Papa für uns Hinterbliebene damit keine Zeit mehr hatte, weil er sich ja in der restlichen Zeit mit all den netten Leuten unterhalten musste, die ihn in seiner Praxis besuchten, war uns klar, aber meine Mutter, so dachten zumindest Juliane und ich, hatte doch wirklich wichtigere Dinge zu tun, als neben Anne am Bett zu sitzen und ihr schöne Geschichten vorzulesen. Zum Beispiel Wandbilder aus Bügelperlen basteln oder mit uns die Schreiblernhefte aus der Vorschule ausmalen. Stattdessen hielt sie Anne abwechselnd den Kotzeimer vor die Nase oder wickelte ihr kalte Umschläge um die Waden, und wenn unsere jüngste Schwester ausnahmsweise mal gesund oder zumindest nicht ganz so erbärmlich krank war, saß meine Mutter unten in der Praxis und nahm die Telefongespräche entgegen.

Doch auch wenn Mama wichtige Dienste an der Anmeldung leistete: Eigentlich war ich die Mitarbeiterin, auf die Papa am wenigstens verzichten konnte. Deswegen versuchte ich, ihn möglichst wenig zu stören, wenn er seiner wichtigen Tätigkeit nachging, und nahm am Ende eines langen Arbeitstages zufrieden meinen Lohn aus dem großen Glasgefäß mit billigem Kinderspielzeug entgegen, das auf dem Schreibtisch in Behandlungszimmer 1 stand. Darin waren Murmeln, Matchboxautos und Plastiktiere, und diese kleinen Blechtiere, die so lustig klapperten, wenn man darauf herumdrückte, und wenn mein Vater gegen acht Uhr abends den Feierabend einläutete, durfte ich mir aus dem Gefäß etwas aussuchen und mit nach oben in die Wohnung nehmen, wo ich es in meinem kleinen Kassettenkoffer verwahrte, als Absicherung fürs Alter.

Die allgemeinmedizinische Praxis meines Vaters war ein fantastischer, ein magischer Ort, den meine Geschwister und ich wie die heilige Quelle von Lourdes verehrten. Hier kamen kranke, blinde, lahme Menschen her, und wenn sie wieder gingen, dann konnten sie wieder frei atmen, sehen und laufen. Einmal, als ich wieder einmal alleine vom Kindergarten nach Hause gelaufen war, weil meine Mutter es nicht geschafft oder vielmehr vergessen hatte, mich von dort abzuholen (vermutlich, weil sie gerade ein Drei-Gang-Butterkekse-Menü zubereitete), sah ich einen einsamen Rollstuhl vor der Praxis meines Vaters stehen. Ich stutzte. In Rollstühlen, das wusste ich bereits in meinem zarten Alter, mussten Leute sitzen, die nicht mehr alleine gehen konnten. Und wenn vor der Praxis meines Vaters ein Rollstuhl stand, aber niemand darin saß, dann musste der Rollstuhlfahrer aufgestanden und weggegangen sein. Vermutlich, so dämmerte mir, geheilt.

Ich war sprachlos. Und sehr stolz. Denn an diesem Tag stellte ich fest, dass mein Vater und dieser komische Mann, von dem in der Kinderbibel immer erzählt wurde, sehr viele Gemeinsamkeiten hatten. Und insgeheim wusste ich schon damals: Mein Papa war Jesus. Wenn nicht sogar der Oberboss des ganzen Vereins, den wir in unregelmäßigen Abständen besuchten, damit meine Eltern eine pappige runde Plätzchenunterlage ohne Plätzchen drauf essen durften. Zumindest verfügte mein Vater aber über eine ganz besondere Verbindung nach oben, was auch das geheimnisvoll knisternde, unverständliche Nachrichten in unsere Wohnung schickende Gerät in unserem Flur auf der Anrichte erklärte. Jeden Mittwochabend und Sonntagvormittag, selbst in den Ferien, selbst an Feiertagen und sogar an Weihnachten, drangen urplötzlich quietschende Piepstöne, die mich entfernt an das Tuten des Telefax in der Praxis erinnerten (denn den Sinn dieses Geräts hatte ich natürlich längst verstanden: Es diente meinem Vater, um wichtige Laborberichte und Untersuchungsergebnisse aus dem Krankenhaus für seine wichtige Arbeit zu liefern), aus dem kleinen schwarzen Plastikkasten, und alle Lichter und Dioden, die auf der Vorderseite angebracht waren, fingen an zu leuchten und rätselhafte Morsezeichen in die stille Wohnung meiner Eltern zu senden.

Meine Schwestern und ich saßen jeden Mittwoch und jeden Sonntag in seltener, weil stiller Eintracht andächtig vor der Anrichte und lauschten den mysteriösen Wortfetzen, die dem Gepiepse und Gedröhne immerzu folgten.

„Vrrh-hko. Krn-hh-sssss Vi—n—piep.“

Ich wusste nicht, was uns die Stimme aus dem Weltraum mitzuteilen versuchte, und auch meine Schwestern, die sich sonst eigentlich immer mit mir, zumindest aber miteinander in den Haaren hatte, verstummten, hielten sich nachdenklich die Zeigefinger an die Nasen und schüttelten dann bedauernd den Kopf.

„Ich weißßß nicht, waßß der ßagt“, lispelte Anne, der gerade beide Schneidezähne ausgefallen waren, feucht.

„Das hat bestimmt mit dem Gerät zu tun, in das Papa immer rein spricht“, kam mir die zündende Idee.

Ein paar Tage zuvor hatte ich von meinem Kindermaltisch in Behandlungszimmer 1 aus beobachtet, dass mein Vater ein kleines schwarzes Plastikding aus einer Schublade seines Schreibtisches gezogen und mit schnarrender, in meinen Ohren fremdartig klingender Stimme angefangen hatte, seltsame und mir vollkommen unbekannte Worte in das Gerät hineinzusprechen. Immer wieder hatte er dabei Pausen einlegt, auf ein kleines Knöpfchen an dem Gerät gedrückt, dem surrenden Geräusch gelauscht, das erklang, wenn die Kassette rückwärts spulte, und dann noch einmal das Knöpfchen gedrückt. Fasziniert hatte ich festgestellt, dass die Stimme meines Vaters jetzt nicht mehr aus seinem Mund, sondern aus dem kleinen Lautsprecher des Plastikdings kam, und ich hatte mir gedacht, dass mein Vater in seiner Funktion als rechtmäßiger Stellvertreter auf Erden wohl wirklich alles konnte. Selbst unscheinbaren schwarzen Plastikgeräten das Sprechen beibringen.

Als ich mich irgendwann getraut hatte, meinen Vater zu fragen, was er da mache, hatte er mit einem geduldigen Blick über seine große Brille geantwortet: „Ich diktiere.“

Und in diesem Moment, als ich mit meinen Schwestern im Flur vor der Anrichte kauerte und dem Schnarren des schwarzen Gegenstücks lauschte, wurde mir klar, dass mein Vater Mitteilungen in seiner Praxis aufnahm und diese mittwochnachmittags und sonntagvormittags ablaufen ließ, um mit uns zu kommunizieren. Wir waren sehr brav und gehorsam in jenen Tagen.

Jahre später, als ich erfuhr, dass das knarzende und piepende Gerät im Flur meiner Eltern lediglich das Funkgerät der Einsatzzentrale und die geheimnisvolle Tätigkeit meines Vaters nur das Diktieren seiner Berichte war, die seine Sprechstundenhilfe später abtippte, war ich ein ganz kleines bisschen enttäuscht.

Meine Faszination für Medizin und mein Interesse für die Arbeit meines Vaters verschwanden vollständig, als ich in die Schule kam und Lesen lernte. Lesen und Schreiben, das war von Anfang an genau mein Ding. Man musste sich nicht bewegen, lag oder saß die meiste Zeit bequem und wurde dabei angenehm unterhalten. Jede Woche trug ich kiloweise Bücher in einer Umhängetasche aus Jute in die Stadtbibliothek und dieselbe Menge Bücher wieder zurück nach Hause. Nachts lag ich oft heimlich unter der Bettdecke und verlor mich im zittrigen Licht meiner Taschenlampe in den Abenteuern von Emil Pichelsteiner, Bille und Zottel oder George, Julian, Dick, Anne und Timmy.

Weil ich nun keine Zeit mehr hatte, als Stenografin in der Praxis meines Vaters zu arbeiten, kam ich nur noch nach unten, wenn ich selbst behandelt werden musste. Das war meistens nicht besonders angenehm, weder für meinen Vater noch für mich, deswegen versuchten wir beide, unsere derartigen Zusammentreffen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Was erklärt, warum ich chronisch unterimpft war.

Doch eine Behandlung durch meinen Vater ließ sich nicht immer vermeiden. Einmal, als ich mich nach einer wilden Verfolgungsjagd mit meiner Schwester durch die komplette Wohnung mit einem beherzten Sprung Bauch voran aufs Sofa zu retten versucht und mir dabei eine Nagelschere, die unsere Haushaltshilfe zwischen den Sitzkissen verloren hatte, mit der Spitze voran in den Bauch gebohrt hatte, musste mich mein Vater nähen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich schweigend, in Unterhemd und Unterhose und mit einem blutigen, sich langsam nach alle Richtungen hin ausbreitenden roten Fleck auf dem Bauch vor ihm stand, die Nagelschere in der Hand. Ich habe erst zu weinen angefangen, als mein Vater, der gerade am Tisch saß und in einer seiner komischen Zeitschriften mit den unappetitlichen Bildern darin blätterte, mich wie eine Braut auf die Arme hievte und kommentarlos auf direktem Weg ein Stockwerk tiefer über die Schwelle seiner Praxis schleppte. Dort schaltete er die furchteinflößende OP-Lampe mit den fünf Birnen an, die wie gierige Insektenaugen auf mich herabsahen, und richtete den Lichtstrahl genau auf meinen Bauchnabel. Meine Mutter, die uns mit aschfahlem Gesicht stillschweigend gefolgt war, die beiden Kleinen im Schlepptau, streichelte mir zärtlich über den Kopf und flüsterte mir zu, ich sollte mich jetzt bloß nicht aufregen.

„Mama, Finger weg, das ist jetzt was für den Papa!“, krähte meine Schwester Juliane und drängelte sich nach vorne, um keine Sekunde des blutigen Gemetzels zu verpassen.

Anne, die nicht nur selbst oft aus der Nase blutete, sondern zu allem Überfluss auch kein Blut sehen konnte (eine Art perpetuum mobile, dessen unweigerliches Ende nur die Ohnmacht sein konnte), schlug sich ängstlich die Hände vor die Augen.

Das brachte mich total aus der Fassung. Ich schrie, warf meinen Körper herum wie Miss Emily Rose bei ihrem Exorzismus, fuchtelte mit den Armen und schimpfte wie ein Rohrspatz. Erst als mein Vater meiner Mutter sagte, sie solle meine Arme festhalten, und mir je eine Schwester auf einen meiner wild zuckenden Oberschenkel setzte, beruhigte ich mich.

Als mein Vater vorsichtig mein Unterhemd nach oben zog, wurde er dabei von acht neugierigen Augen beobachtet. Meine Schwestern ließen sich keinen Moment des grausigen Schauspiels entgehen, immerhin waren sie diejenigen, die in der Regel von mir gepiesackt und gepeinigt wurden, da ich die Ältere und (jedenfalls im Vergleich zu Anne) mindestens doppelt so Schwere war. Nun starrten alle auf das Loch, das sich nur wenige Zentimeter neben meinem Bauchnabel in die Haut gebohrt hatte, und aus dem ein dünnes, aber stetiges Rinnsal Blut hinauslief.

Mein Vater klopfte mir vorsichtig den Bauch ab. Ich hielt vor lauter Angst, dass er etwas hören würde, das nicht dem Normalzustand entsprach, die Luft an.

„Keine inneren Verletzungen“, sagte er dann. „Du hast Glück gehabt, Schatz, das hätte auch in die Hose gehen können.“

Vor lauter Erleichterung, dass ich nicht sterben musste, fing ich wieder an zu weinen, und setzte zu einem fulminanten Crescendo an, als ich das Nahtbesteck sah.

Meine Mutter, die meine Arme festhielt, redete beruhigend auf mich ein, und als ich endlich damit aufhörte, meinen Vater anzuspucken, nähte er mit zwei kleinen Stichen das Loch in meinem Bauch wieder zu und hielt mir zum Trost, und weil ich fast brav gewesen war, das große Glasgefäß mit dem Kinderspielzeug aus Behandlungszimmer 1 hin.

Meine Schwestern durften sich an diesem Tag gleich zwei Sachen aus dem Gefäß aussuchen, weil sie meinem Vater mit ihrem vollen Körpereinsatz so vorbildlich assistiert und nicht geweint hatten, und selbst Anne beim Anblick des Blutes nicht in Ohnmacht gefallen waren.

Die Narbe über meinem Bauchnabel wurde im Laufe der Jahre erst schweinchenrosa, dann weiß. Ich trage sie stolz, wie ein Indianer den Skalp seines Gegners, denn es ist bis heute die einzige Narbe, die mein Vater selbst genäht hat.

Bis auf die gelegentlichen harmlosen bis ungefährlichen Verletzungen, die Kinder sich nun mal zuziehen, wenn ihnen ein schwerer Tisch, den sie gemeinschaftlich auf die Seite gehievt haben, um eine Bühne für ein improvisiertes Kasperltheater zu bauen, umkippt und auf die große Zehe donnert, war ich bis in die Pubertät nur selten krank. Mein Vater war und ist kein Arzt, der findet, dass Kinder gegen alles geimpft werden müssen. „Das bisschen Husten hat noch niemanden umgebracht“, pflegt er immer zu sagen, „und es ist erwiesenermaßen wichtig, als Kind die Windpocken zu haben, denn als Erwachsener kann das ganz schön hässlich werden.“

Mit großen Augen hörten Jule und ich meinem Vater eines Abends zu, als er von seiner Patientin Frau Geigenbauer erzählte, die als Kind nie die Windpocken gehabt und sich dann als Erwachsene angesteckt und wochenlang im Krankenhaus gelegen hatte.

„Die hatte sogar Windpocken im Mund, könnt ihr euch das vorstellen?“, sagte Papa in seiner besten Geschichtenerzählerstimme, und uns stockte der Atem bei der Vorstellung. „Also seid schön lieb, Jule und Caro, und legt euch jetzt mal eine halbe Stunde zu Anne ins Bett. Die hat nämlich die Windpocken. Und wenn ihr sie auch habt, dann müsst ihr nicht wie Frau Geigenbauer ins Krankenhaus.“

Juliane und ich sahen uns an. Ins Krankenhaus wollten wir aber unbedingt, denn als Anne letztes Jahr im Krankenhaus gewesen war, um die Mandeln herausoperiert zu bekommen, hatte sie danach eine Woche so viel Vanilleeis essen dürfen, wie sie wollte. Wir wollten auch Vanilleeis, deswegen versuchten wir, aus dem Bett zu klettern, und uns an unserem Vater vorbeizudrücken, der uns jedoch mit zärtlicher Gewalt wieder zurückschob und zu Anne, deren Körper vollständig mit roten juckenden Pusteln übersät war, unter die Decke steckte.

„Wer sich zuerst mit Windpocken angesteckt hat, kriegt was aus dem Spielzeugglas aus Sprechzimmer 1!“

Das war ein ernst zu nehmendes Angebot. Juliane und ich beratschlagten uns flüsternd über der fiebrigen Stirn unserer Schwester, wogen die Vorzüge von Vanilleeis und dem Inhalt des Spielzeugglases gegeneinander ab, dann nickten wir stumm meinem Vater zu und besiegelten das Abkommen mit Indianerehrenwort und Spucke drauf.

Mein Vater warf uns allen dreien eine Kusshand zu („Ich darf mich nämlich nicht anstecken, ich hatte nie Windpocken!“), stand auf und sagte zu meiner Mutter, die gerade mit einer neuen Runde Wadenwickel ins Kinderzimmer kam: „Gerdi, ruf mal noch die Hübners an, die sollen ihre Kinder auch vorbeischicken.“

Mittlerweile sind Windpockenpartys ja wegen gefährlicher Körperverletzung verboten. In Kindergärten und Grundschulen hatte sich in den achtziger Jahren die Praxis eingebürgert, die Brut bei den ersten Anzeichen einer beginnenden Varizellen-Epidemie gemeinsam in einen Raum einzuschließen, das Ganze circa dreißig Minuten bei mittlerer Hitze gut durchgaren zu lassen und die infizierten Kinder anschießend für mehrere Tage zu Hause zu pflegen. Ich wurde selbst nie zu diesen Partys eingeladen, denn die Order meines Vaters, uns an Anne anzustecken, trug schon wenige Tage später Früchte. Juliane und ich sahen fürchterlich aus, und meine Mutter schoss ganz viele Bilder von uns, wie wir, von Kopf bis Fuß mit roten Pusteln übersät, mit leidenden Gesichtern im Badezimmer stehen und uns gegenseitig kratzen.

Geschadet hat mir das heute etwas rabiat wirkende Vorgehen nicht. Mit Mitte zwanzig habe ich einmal Gürtelrose bekommen und bei dieser Gelegenheit auch erfahren, dass das derselbe Erreger ist wie bei den Windpocken. Meine Gürtelrose war nach zehn Tagen und ein bisschen Juckerei gegessen, wohingegen eine Freundin von mir, die vor ein paar Jahren Windpocken bekam, fast zwei Monate ausfiel und von den vielen Medikamenten und dem Vanilleeis im Krankenhaus ganz dick wurde. Dick wurde ich in der Pubertät zwar auch, aber immerhin nicht wegen so was Blödem wie den Windpocken. Papa sei Dank.