Leseprobe

 

Es passiert immer wieder, dass ich auf Schüler treffe, die mich an mich selbst erinnern. Manchmal sind das Kinder, die mit ihren Energien noch nicht richtig haushalten können oder einfach noch keinen Weg gefunden haben, wie sie sich austoben können. Heutzutage klebt man ja gern auf jedes etwas aktivere Kind das Etikett „hyperaktiv“ drauf. Viele der Kids sind aber nicht unbedingt hyperaktiv, sondern einfach unausgelastet, besonders wenn sie aus einem Umfeld kommen, in dem sie keinen oder nur schweren Zugang zu Sport und Freizeitaktivitäten bekommen.

In den meisten Familien, die mir durch meine Tätigkeit als Lehrer bekannt sind, machen die Schüler am Nachmittag gar nichts. Schon oft wurde festgestellt, dass wir Kinder der Sechziger und Siebziger ja noch auf der Straße spielten. Dass wir nach dem Mittagessen und den Hausaufgaben frei hatten, und zwar ein richtiges „frei“, das viel Platz für individuelle Bedürfnisse lässt. Heute ist das anders. Nur auf dem Land oder in Kleinstädten sieht man des Nachmittags Kinderhorden über die Straße ziehen oder durchs Unterholz streifen. Die meisten sind entweder in der Ganztagsschule, gehen nach Schulschluss ihren zahlreichen Hobbys nach oder machen eben das, was ihre Eltern nach Feierabend machen: nichts. Sitzen vor der Glotze (natürlich jeder in seinem eigenen Zimmer), vor der Spielekonsole oder dem Computer, mindestens aber vor dem Smartphone. Dass ein Spiel wie Pokémon Go! mal wieder Kinder und Jugendliche vor die Haustür gekriegt hat, ist bei allem Negativen, was man darüber sagen kann, wirklich nicht die schlechteste Entwicklung.

Die Schüler, die in meine Klasse gehen, sind in den seltensten Fällen ausgelastet. Oft beobachte ich, dass diesen Schülern die Lebensfreude fehlt – sie müssen sich, weil sie aus schwierigen Verhältnissen kommen, mit großen Problemen auseinandersetzen, die sie allzu häufig mit dem Ernst des Lebens konfrontieren, mehr, als ihnen guttut und sie tragen können.

Vor kurzem zum Beispiel erzählte mir der neunjährige Ahmet, dass seine Mutter wieder ein Kind erwarte. „Ich krieg Bruder, Herr Reinhardt!“

Ich klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Das ist toll, Ahmet, ich freu mich für dich. Freust du dich auch auf dein Geschwisterchen?“

Da zuckte Ahmet die Achsel und sagte: „Ja, mal sehen. Kind ist behindert und überlebt vielleicht gar nicht.“

Mir blieb die Freude, die ich eben noch verspürt hatte, sprichwörtlich im Halse stecken. Natürlich kommt eine komplizierte Schwangerschaft auch in gutbürgerlichen Familien vor. Nur ist es meistens so, dass diese Eltern sich mehr Mühe geben, all die verstörenden Details und Probleme von ihren Kindern fernzuhalten.

Jedes Kind sollte individuell gefördert und bestmöglich unterstützt werden – und zwar nicht nur in der Schule. Als Lehrer habe ich bis zu vierundzwanzig Schüler in meiner Klasse, ich kann gar nicht all die Defizite ausgleichen, mit denen die Knirpse zum Teil zu mir in den Unterricht kommen. Es gibt Kinder, die sich mit sechs Jahren noch nicht die Schuhe zubinden können. Die noch nie auf einem Wochenmarkt waren. Die nicht wissen, dass man im Bus ein Ticket kaufen muss, wenn man damit fahren will. Auch nach all den Jahren im Schuldienst bin ich immer noch erschrocken, wenn ich höre, wie wenig so manche Eltern am Wochenende oder in den Ferien mit ihren Kindern unternehmen. Wenig – oder gar nichts. Die meisten meiner Schüler kommen nach sechs Wochen Sommerferien in die Schule zurück und sind froh, dass der Unterricht wieder beginnt, weil ihnen anderthalb Monate lang daheim die Decke auf den Kopf gefallen ist, da sich niemand um sie gekümmert hat. Und das liegt nicht nur an der fehlenden Bereitschaft der Eltern oder an der Tatsache, dass einige von ihnen zwei Jobs haben, in denen sie arbeiten (oder keinen, was sie aber auch nicht unbedingt aktiver macht), sondern auch an den mangelnden finanziellen Möglichkeiten. Ins Schwimmbad gehen, raus in die Natur, eine Fahrradtour machen – all das kostet Zeit und Geld, zumindest aber Einfallsreichtum und Möglichkeiten, die viele Eltern nicht haben oder sehen.

In meinem Unterricht versuche ich, meine Schüler so oft wie möglich aktiv am ganz normalen Alltag teilnehmen zu lassen – oder an dem, was wir als „normal“ bezeichnen. Das bedeutet, dass ich mit ihnen dorthin gehe, wo das Leben spielt. Auf den Markt, ins Theater, zum Radio. Wir fahren Zug, Bus, Fahrrad, lernen die Namen von Obst und Gemüse kennen, Maßeinheiten, planvolles Einkaufen mit Zettel, wir sammeln Blätter im Park, benennen Pflanzen, Tiere, Orte … Es gibt so vieles zu entdecken da draußen. Und es ist alarmierend und schockierend zugleich, wie weltfremd die Kinder zum Teil sind.

Einmal war ich mit meiner Klasse bei einem Förster. Wir besuchten ihn im Wald, und er erklärte uns seinen Arbeitsplatz. Da meldete sich die kleine Samira und fragte ganz ernst: „Herr Förster, haben Sie auch Tigers?“ Der arme Mann wusste gar nicht, wie er reagieren sollte.

Bei meinen „Ausflügen ins Leben“ habe ich noch nie eine schlechte Erfahrung gemacht. Die Kinder lieben unsere kleinen und großen Exkursionen. Im Theater sind sie mucksmäuschenstill. Im Bus benehmen sie sich. Und auch wenn wir nur im Westfalenpark unterwegs sind und ich ihnen die Flamingos dort zeige, tanzt keiner aus der Reihe.

Auch wenn es gerade vielleicht anders klingt: Den meisten der Schüler, die ich unterrichte, geht es gut. Sie werden geliebt und von ihren Eltern so gut versorgt, wie es ihnen eben möglich ist. Aber bei manchen fehlen mir einfach die Worte, wenn ich beobachte, in welch desolatem Zustand sie zu mir in den Unterricht kommen. Einige haben noch den Schlafanzug unter der Winterjacke an – weil die Eltern entweder schon aus dem Haus sind, wenn die Kinder selbstständig aufstehen und sich fertigmachen und (im besten Fall) ein Frühstück zubereiten – oder aber noch schlafen. Es klingt wirklich fast zu schrecklich, um wahr zu sein, aber an jedem Morgen in der Schule bemerke ich, dass es mindestens einen Schüler oder eine Schülerin gibt, bei der ich die erste erwachsene Person bin, mit der sie interagiert. Die fragt: „Wie geht es dir heute? Hast du gut geschlafen?“ Oft erfahre ich auf diese einfache Frage hin von den großen und kleinen Tragödien, die sich im Leben der Schüler tagtäglich abspielen.

Weil ich nicht alle meine Schüler jeden Morgen persönlich fragen kann, wie es ihnen geht, und weil mir die Möglichkeit fehlt, jedem Einzelnen auf den Zahn zu fühlen, wenn ich den Eindruck habe, dass etwas nicht stimmt, habe ich ein Ritual eingeführt, mit dem jeder Schultag in meiner Klasse beginnt. Anstelle eines gemeinsamen Unterrichtsbeginns, der mit dem viel zitierten „Guten Morgen, Herr Reinhardt!“ beginnt, sind meine Schüler dazu aufgefordert, ein paar Sätze zum gestrigen Tag aufzuschreiben. So erfahre ich eine Menge über das Befinden, die Lebenssituation, Neuigkeiten, Ärger oder Freude der Kids, denn ich korrigiere alle Sätze und kann mir so einen guten Überblick über die Stimmung in der Klasse machen. Die Kinder indes bekommen so die Gelegenheit, sich über das, was ihnen widerfahren ist, Gedanken zu machen. Sie entscheiden, was sie mir verraten wollen und was nicht, in welcher Form und wie ausführlich sie es schildern.

Dass Eltern sich nicht für die Bedürfnisse ihrer Kinder interessieren, wirft natürlich die Frage auf, wie weit es von diesem Desinteresse bis zur Vernachlässigung ist. Die Schule, in der ich unterrichte, versucht, schon vorschulisch viel zu fördern. Durch verschiedene Einrichtungen wie den schuleigenen Kindergarten und die Vorschulklassen, aber auch das Eltern-Café und die Sprachkurse, die wir für Mütter und Väter unserer Schüler anbieten, gelingt es uns, als Institution Schule einen Platz in der Familie einzunehmen und das Bewusstsein auf allen Seiten zu schärfen. Ein Kindergartenplatz zum Beispiel ist in Deutschland in den meisten Regionen und Städten eine Selbstverständlichkeit, zumindest weiß die Mehrzahl der Eltern, welchen enormen Fortschritt ihre Sprösslinge in diesen ersten Jahren sowohl entwicklungspädagogisch als auch emotional-sozial machen. Aber so ein Platz kostet Geld, selbst wenn es für unsereins nur Peanuts sind. Und in vielen Familien fehlt dieses Geld – und natürlich die Bereitschaft, das, was zur Verfügung steht, für einen solchen Kindergartenplatz auszugeben.

In der Kleinen Kielstraße haben wir eine sogenannte Kinderstube – eine Art Kindergartenklasse, in der wir den deutschen Spracherwerb, aber auch die sozialen Fähigkeiten der Kinder fördern. Unser größtes Ziel ist es, dass die Schüler unserer Grundschule nicht bereits als Verlierer in die erste Klasse kommen, sondern wir eine Chancengleichheit gewährleisten und so etwas wie eine „normale“ Schullaufbahn ermöglichen können.

Natürlich sind nicht alle Kinder gleich talentiert, begabt und wurden in der Vergangenheit so gefördert, wie man es eigentlich voraussetzen sollte. Ich versuche meinen Schülern aber immer klarzumachen, dass jeder es schaffen kann – jeder. Intelligenz ist keine Voraussetzung für eine abgeschlossene Schullaufbahn. Auch mit weniger Werkzeug im Gepäck kann man etwas erreichen, wenn man bereit ist, um jeden Zentimeter zu kämpfen. Es ist selbstverständlich schwer, Kindern, deren Eltern keinerlei Ehrgeiz darin zeigen, irgendwas aus ihrem Leben zu machen, diese Gedanken zu erklären. Da gibt es Familien, die sind schon in der zweiten oder dritten Generation Hartz-IV-Empfänger beziehungsweise beziehen Arbeitslosengeld, seitdem sie die Hauptschule verlassen haben. Wie kann man diesen Kindern, die vom ersten Moment an auf der Verliererseite stehen, klarmachen, dass auch sie ein Recht auf Bildung haben – und in meinem Unterricht die Chance, dieses Recht für sich zu beanspruchen? Dass sie nur zugreifen müssen, mitmachen, mitdenken, mitarbeiten, um auf die Seite der Gewinner zu wechseln?

Es gibt Geschichten, die im Kollegium kursieren, von Kindern, die von ihren Lehrern gefragt werden, was sie denn werden wollen, und die daraufhin sagen: „Na, arbeitslos!“ Natürlich können die wenigsten verstehen, was Hartz-IV oder Arbeitslosigkeit de facto bedeutet.

Vor Kurzem meinte die neunjährige Sandrina zu mir: „Herr Reinhardt, wenn ich nicht lerne, muss ich irgendwann Brötchen verkaufen.“

Daraufhin entgegnete ich: „Nee, Sandrina, selbst zum Brötchen verkaufen brauchst du mittlerweile auch eine Ausbildung. Und für die den Hauptschulabschluss.“

Daraufhin schaute mich das Mädchen rehäugig an und verstand ganz offenbar die Welt nicht mehr.

Es ist nicht immer leicht. Besonders dann nicht, wenn einem die Realität mal wieder mit der vollen Breitseite ins Gesicht schlägt, allen pädagogischen Traumschlössern zum Trotz.

Als Lehrer soll man natürlich keine Lieblingsschüler haben. Es bleibt jedoch nicht aus, dass einem manche Kinder mehr ans Herzen wachsen als andere. So erging es mir mit Mustafa, einem zehnjährigen Deutsch-Türken, der aus einer gewalttätigen Beziehung entstanden war und von seiner Mutter vernachlässigt wurde. Von der ersten Schulstunde hing Mustafa an meinen Lippen, unter meiner Aufmerksamkeit blühte er immer mehr auf. Seine Leistungen wurden besser und besser.

Eines Nachmittags ergab es sich, dass ich Mustafa mit zu mir nach Hause nahm (mein jüngster Sohn und Mustafa spielten in einer Mannschaft Fußball, ich wollte die beiden nach dem Mittagessen zusammen zum Training fahren). Ich lebe mit meiner Familie in Hörde-Nord in der Nähe des Westfalenparks, einem eher gutbürgerlichen Viertel. Villen aus den 1920er- und 1930-Jahren prägen das Straßenbild. Das totale Kontrastprogramm zu der Gegend, aus der Mustafa kommt. Die verrufene, dicht besiedelte Nordstadt Dortmunds wird von Hochhausbauten und Trinkhallen dominiert, weit über die Hälfte der Menschen, die hier wohnen, haben einen Migrationshintergrund. Auf der Fahrt wurde der sonst so quasselige Mustafa immer ruhiger. Ich versuchte, die für uns beide ungewohnte Situation mit ein paar Sprüchen aufzulockern, aber im Gegensatz zu sonst ging Mustafa nicht darauf ein. Er schien immer tiefer in seinem Sitz zu versinken.

Na gut, dachte ich mir, er wird schon seinen Grund haben, warum er die Zähne nicht auseinanderkriegt, und parkte den Wagen vor unserem Haus. Vom Bürgersteig führt eine Treppe zur Eingangstür hinauf, das Erdgeschoss ist nur zum nach hinten führenden Garten ebenerdig und steht zur Straße hin auf dem Heizkeller und der Garage (in der mein von mir heiß geliebter und von Helena leidenschaftlich verfluchter alter VW-Käfer parkt).

Ich ließ Mustafa aus dem Auto aussteigen und ging vor ihm her die Stufen zur Eingangstür hinauf. „So, da wären wir“, meinte ich und schloss die Haustür auf. „Ziehst du dir bitte die Schuhe aus? Meine Frau kriegt sonst die Krise.“ Ich hing meine Jacke an den Haken und streifte die Schuhe ab. Dann sah ich mich nach Mustafa um.

Der Junge stand regungslos in der Eingangshalle, die – wie mir in diesem Moment wieder mal auffiel – tatsächlich ziemlich beeindruckend ist. Das Treppenhaus führt über zwei Stockwerke bis unters ausgebaute Dach, wo meine Söhne hausen. Die Treppe aus honigfarbenem Holz ist in einem perfektem Zustand – unter anderem, weil Helena wie der Teufel hinter allen Besuchern mit Straßenschuhen her ist. Das hölzerne Geländer hat einen schönen Handlauf und wunderbar gedrechselte Streben. Die Wände sind farbig gestrichen, überall an den Wänden hängen Bilder.

Mustafa war vermutlich noch nie in einem solchen Haus gewesen. Jedenfalls kam er aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, saugte jedes Detail in sich auf.

„Hey, Mustafa“, sagte ich und wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum. „Schuhe aus. Und gib mir deine Jacke.“

Ungläubig zog er Schuhe und Jacke aus und folgte er mir ins offene Wohnzimmer. Als ich vor mehr als zwanzig Jahren in dieses Haus gezogen war, hatte ich einige Wände herausnehmen lassen, Wohn-, Esszimmer und Küche bilden einen einzigen u-förmigen Raum. Durch die hohen Decken wirkt das Ganze noch größer und einladender. Mustafa stand da, die Augen so groß wie Unterteller.

„Alles in Ordnung, Mustafa?“

„Boah, Herr Reinhardt“, rief er. „Du hast Schloss!“

„Na ja“, meinte ich verlegen und stopfte die Hände in die Hosentaschen. Mir war klar, dass mein Haus mit der Wohnung von Mustafas Eltern in der Hochhaussiedlung nicht zu vergleichen war. Dennoch hatte ich mit Mustafas Reaktion überhaupt nicht gerechnet. Sie war mir jetzt fast unangenehm.

Unterdessen hatte Mustafa die Terrassentür entdeckt, die in den Garten führt. Langsam ging er auf sie zu, blieb vor der Scheibe stehen, hielt einen Moment inne und sagte ernst: „Herr Reinhardt! Du hast Park.“

Kurz darauf kam Helena in die Küche. Sie arbeitet als selbstständige Kosmetiker von zu Hause aus und hat einen kleinen Raum im ersten Obergeschoss, wo sie ihre Kunden mit Cremes und Behandlungen verwöhnt. Deswegen darf man bei Reinhardts daheim zwischen neun und achtzehn Uhr auch nur auf Zehenspitzen durchs Haus laufen, und laut reden geht auch nicht – schließlich sollen sich die Kunden entspannen und nicht das Gemaule unserer beiden pubertären Söhne mitanhören müssen. Auf jeden Fall ist es bei uns üblich, dass Helena am Abend vorher oder am Morgen etwas kocht, das wir uns dann warm machen, wenn wir nach Hause kommen. Manchmal isst jeder dann, wenn er eben Hunger hat, aber meisten schaffen wir es, uns um halb zwei für eine Stunde zusammen an den Tisch zu setzen und gemeinsam zu essen.

Für Mustafa war das etwas vollkommen Ungewöhnliches. „Hat jemand Geburtstag?“, fragte er, als Helena den polnischen Eintopf nach dem Rezept ihrer Großmutter aufgewärmt und in die fünf Teller auf dem Tisch verteilt hatte. Glücklicherweise kochen wir immer genug, sodass es kein Problem ist, wenn Nick oder Luc einen Freund zum Essen mitbringen. Oder ich einen Schüler von Zeit zu Zeit.

„Geburtstag?“ Ich sah Mustafa verwundert an. „Nein, wie kommst du darauf?“

Er zuckte mit den Schultern. „Na, weil alle am Tisch sitzen und gemeinsam essen.“

Ganz ehrlich: In Momenten wie diesem bleibt auch mir ein lockerer Spruch im Hals stecken.