Leseprobe

Die Schweißperlen auf Sarahs Stirn glänzen im hellen Scheinwerferlicht der Bühne. Panisch starrt sie die vor ihr aufgestellte Leiter an. Ihr Atem ist flach, ihre Stimme brüchig. Achthundert Zuschauer blicken gebannt auf das Szenario: Wird Sarah ihre Angst bezwingen und ihr altes Reaktionsmuster infrage stellen? Wird sie sich selbst beweisen, dass sie auch ein anderer Mensch sein kann und damit ihr Leben verändern? Wird sie also ihr Unterbewusstsein updaten?
Ich befinde mich auf der Neujahrsveranstaltung meiner Freundin Laura Malina Seiler, Deutschlands erfolgreichste Podcasterin. Achthundert Menschen befinden sich im Saal, siebentausend schauen online zu. Laura hatte mich gebeten, ihren Teilnehmern spielerisch zu demonstrieren, wie jeder von uns jeden Tag seine persönliche Realität unbewusst erschafft. Und wie wir in diesen Prozess eingreifen können. Als Magier und Hypnotiseur gehört die Neuinterpretation von Realität natürlich zu meinem Tagessgeschäft und so habe ich gerne zugesagt.
Gerade habe ich dem Publikum erklärt: »Unser Gehirn verändert sich kontinuierlich und passt sich jeder neuen Erfahrung an – und das ein Leben lang. Wenn wir das verstehen, können wir mit bestimmten Methoden die unbewussten, automatischen Reaktionsmuster unseres Gehirns beeinflussen. Eine Angst, ist dann keine Angst mehr, ein Trauma nicht mehr so schmerzhaft, eine Partnerschaft verständnisvoller und ein sehr schwer erreichbares Ziel mit einem Mal greifbar.«
Ich schaue bei dieser Erklärung in teils zustimmende, teils ungläubige Gesichter. Nicht jeder kann sich vorstellen, dass auch er sich neu erfinden kann. Und ich weiß auch warum: Es fehlt für diese Hoffnung eine unmittelbare Erfahrung. Ohne diese Erfahrung, hören sich meine Worte wie nette Kalendersprüche an. Man findet sie schön, aber setzt sie nicht um. Um also alle Beteiligten im Publikum eine unmittelbare Erfahrung machen zu lassen und sie von der Macht unseres Geistes zu überzeugen, frage ich ins Publikum: »Ich möchte euch gerne zeigen, dass wir alle in unserer persönlichen Hypnosetrance leben, die wir Realität nennen. Und dass wir diese Realität beeinflussen können und frei nach unserem Gusto modellieren können. Das kann manchmal schneller gehen, als man denkt und hat dann trotzdem eine lebenslange Auswirkung. Wer von euch hat Höhenangst?«
Mehrere Hände gehen nach oben. »Ich meine, eine besonders ausgeprägte Höhenangst. Nicht nur ein mulmiges Gefühl beim Besteigen des Eifelturms.« Einige Hände bleiben oben. Ich wähle eine sympathische junge Frau aus und bitte sie zu mir auf die Bühne.
»Wie heißt du?«
»Sarah.«
»Sarah, wie schlimm ist deine Höhenangst? Kannst du auf eine Leiter klettern?«
Sie schüttelt entschieden den Kopf. »Ich kann noch nicht einmal auf einen Stuhl steigen!«
»Interessant … Warte hier bitte kurz auf mich.« Ich verschwinde hinter dem Bühnenvorhang und komme mit einer Malerleiter wieder zurück, die ich drei Meter vor Sarah aufstelle. Als Sarah die Leiter sieht, scheint ihr Körper plötzlich von einer fremden Macht ergriffen zu werden. Sie wird blass, und aus der eben noch entspannt wirkenden Frau wird schlagartig ein Nervenbündel.
»Wie geht es dir, wenn du die Leiter siehst?«, will ich wissen.
Mit brüchiger Stimme antwortet sie: »Mein Herz rast, ich zittere und ich kann kaum atmen …«
»Auf einer Skala von null bis zehn. Wie stark spürst du die Angst?«
»Fünfzehn!« (später wird mir sie erzählen, dass sie kurz davor war, die Bühne zu verlassen)
Ich beruhige sie. »Ich habe nie gesagt, dass du diese Leiter hochsteigen sollst. Ich wollte nur mal sehen, in welche Angsttrance du gehst, wenn ich dir eine Leiter zeige.«
Sarah wirkt sichtlich erleichtert. Im Publikum ist es mucksmäuschenstill. Alle sind gespannt, was gleich passiert.

(…)