Leseprobe

Im Alter von vier Jahren bekam ich meine erste große Rolle. Ich wurde auserwählt, beim jährlichen Kindergartenfest den St. Martin zu spielen. Während der Vorstellung ritt ich auf meinem Holzsteckenpferd über die Bühne – glücklicherweise konnte ich mir nicht nur gut Texte merken, sondern auch Abläufe.

Es kam zur entscheidenden Szene: der Durchtrennung des Mantels, um ihn mit dem Bettler zu teilen. Das Kleidungsstück war durch ein Klettband zusammengehalten, und eigentlich hätte ich nichts weiter tun müssen, als den Mantel mit meinem Plastikschwert entzweizuschlagen. Also schlug ich zu. Doch der Klettverschluss bewegte sich kein bisschen. Ich schlug erneut, aber der Klett hielt bombenfest. Ein weiteres Mal hieb ich auf den Stoff ein. Der Bettler musste jedoch weiter frieren, und das Publikum begann zu lachen.

Ich fühlte mich grauenhaft. Wie peinlich! Da stand ich auf der Bühne, prügelte auf den Mantel ein und war doch zu schwach, um ihn zu zerteilen. Ich dachte: Menno! Ich bin doch sowieso schon die Kleinste hier, noch dazu ein Mädchen und kein Junge. Doch der Gedanke, einfach auf meinem Steckenpferd davonzureiten und den Bettler sitzen zu lassen, kam mir komischerweise nicht in den Sinn. Denn obwohl ich erst vier Jahre alt war, wusste ich intuitiv, dass es wichtiger war, die Geschichte zu Ende zu erzählen, als mich aus der unangenehmen Situation zu befreien.

Also blieb ich stehen und prügelte weiter auf den Mantel ein. Und bekam prompt Hilfe. Denn der Bettler erhob sich und ergriff den Mantel. Er hielt die eine Seite, ich die andere, und gemeinsam rissen wir den störrischen Stoff mit bloßen Händen entzwei. Das Publikum amüsierte sich königlich, und wir bekamen Szenenapplaus für unsere Teamarbeit.

Trotz diesem etwas holprigen Start auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ließ mich die Schauspielerei nicht wieder los. In der Bühnentruppe meines Vaters verkörperte ich zahlreiche Mädchen- und Frauenfiguren und entschied mich später dazu, die Schauspielschule zu besuchen. Ich begann, am Theater zu arbeiten – auf und neben der Bühne. Egal ob ich Stücke schrieb, inszenierte, choreografierte oder als Darstellerin mitwirkte, das Theater war meine Welt, eine Spielwiese, auf der ich mich ausprobieren konnte und fürs Leben lernte.

Vor allem aber stellte ich fest, dass mich die Darstellung ohne Worte begeisterte. Mich fasziniert bis heute, welche Ausdruckskraft dem menschlichen Körper innewohnt – wie viel ein Schweigen sagen kann, ein einziger Blick, eine gezielte Geste.

Mit Mitte zwanzig nahm ich an einem Workshop des Kampfchoreografen Bret Yount teil. Er hatte unter anderem im Blockbuster „Troja“ mitgewirkt und begeisterte mich mit seinem Können. So sehr, dass ich mich kurz darauf von ihm zur Kampfchoreografin ausbilden ließ. Ich lernte, dass hinter einem dargestellten Kampf auf Bühne oder Leinwand viel mehr steckt als das, was man auf den ersten Blick sieht. An der Oberfläche choreografiert man als sogenannter „Fight Director“ den Ablauf des Kampfes, die Provokation, die Eröffnung, die Erwiderung, die Abfolge und den Ausgang – aber darunter verbirgt sich noch viel mehr. Im ersten Schritt geht es um das richtige Standing.

Mit dem Stehen verbinden wir in unserer Welt eine Menge. Es gibt den Stand, der viel über unsere soziale Position in der Gesellschaft verrät. Wir sind imstande, etwa zu tun, oder halten einer Sache stand oder können aus dem Stand etwas Beachtliches leisten. Auch Ausdrücke wie die Stellung halten oder gut mit jemandem oder hinter jemandem stehen sind mit dem Wort verwandt.

Das aus dem Englischen kommende „Standing“ wird mittlerweile auch im Deutschen ganz selbstverständlich verwendet. Es bedeutet Stehvermögen, aber auch Reputation, Rang, Achtung und Ansehen, Bedeutung, Geltung, Prestige und Renommee, um nur ein paar Begriffe zu nennen. Wer also gut dasteht, der hat das Wichtigste schon einmal geschafft – damit (ha!) steht und fällt der Rest.