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Maisie saß über eine Schreibmaschine gebeugt und tippte angestrengt Wörter in die Tasten. Das Gerät, auf dem sie schrieb, war alt. Sie musste sich richtiggehend anstrengen, um die mechanischen Tasten bis zum Anschlag hinunterzudrücken und den Buchstaben so aufs Papier zu hebeln – kein Vergleich zu ihrer leichtgängigen Computertastatur im Büro. Hier war jeder Letter Arbeit. Deswegen hatte sich Maisie auch weit nach vorn gebeugt. Ihre Finger schmerzten, genau wie ihre Handgelenke und die Ellbogen. Wie lange saß sie schon hier?
Sie hob den Kopf, sah sich um. Sie befand sich in einem kleinen Raum mit runden Wänden aus grauem Stein. Nur ein einziges Fenster gab es, durch das weiches Sonnenlicht auf den kargen Boden des Zimmers fiel. Erstaunt bemerkte Maisie, dass das Papier, das in die Schreibmaschine eingespannt war, länger zu sein schien als ein normaler Bogen. Es war sogar so lang, dass Maisie das Ende nicht sehen konnte, denn das Papier schlängelte sich aus der Schreibmaschine hinaus, über den Boden bis zum Fenster und über den Fenstersims hinaus ins Freie.
Sie blinzelte in das Azurblau des Himmels hinein. Wie hoch war sie? Befand sie sich in einem Turmzimmer? Mit knackenden Gelenken und steifen Gliedern erhob sie sich und lief zum Fenster. Es war nur einen halben Meter breit, doch die Mauern waren dick, und so musste sie sich weit nach vorn lehnen, um bis nach unten auf die Wiese zu schauen. Dort stand Finley und starrte zu ihr hoch. Er trug eine orangefarbene Sträflingskluft und hatte eine Rohrzange in der Hand.
„Maisie!“, rief er und hob den Arm mit der Rohrzange.
Sie spürte, dass jemand an ihrer Schulter rüttelte.
„Maisie!“
Sie versuchte, die Hand zu heben, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie ihn gesehen und gehört hatte. Doch ihre Arme gehorchten ihr nicht. Es fühlte sich an, als ob jemand sie festhalten und nach unten drücken würde. Sie riss sich los, wehrte die unsichtbare Macht ab.
Die Stimme rief wieder: „Maisie!“
In dieser Sekunde schlug sie die Augen auf und starrte in Finleys Gesicht. Er beugte sich über das Bett, in dem sie bis eben geschlafen hatte. Sie blickte sich desorientiert um.
Maisie blinzelte in das Licht der Stirnlampe, die Finley auf dem Kopf hatte. „Wie spät ist es?“
Sie war so müde! Es musste mitten in der Nacht sein, so erschlagen und k.o., wie sie sich fühlte. Nur mit Mühe konnte sie die Augen offenhalten.
„Es ist kurz nach vier“, wisperte er und kam noch ein Stück näher an Maisie heran. „Ich war gerade auf dem Klo, und beim Rückweg … Komm mit! Ich muss dir was zeigen.“
„Was? Aber doch nicht um diese Uhrzeit!“, protestierte Maisie und wollte sich entrüstet wegdrehen.
Doch Finley berührte sie sanft an der Schulter und sagte: „Ich glaube, das duldet keinen Aufschub.“
Maisie fluchte. Sie hoffte inständig, dass ihr Freund einen guten Grund hatte, warum er sie zu nachtschlafender Zeit aus den Träumen riss! Sie schlüpfte in ihre Turnschuhe, quälte sich in einen dicken Pullover und stapfte auf wackligen Beinen Finley und dem Schein seiner Stirnlampe hinterher aus der Jurte.
Vor der Tür war es eiskalt. Maisie zog den Pulli enger um ihren Körper und schickte eine weitere lautlose Beleidigung in Richtung ihres Freundes. Sie gähnte erneut.
Dann folgte sie ihm über die Bodendielen der Terrasse und auf den gekiesten Weg. Der Mond stand strahlend hell und rund wie ein Wagenrad am Himmel. Keine Wolke verdeckte die Sicht auf den überwältigenden Sternenhimmel.
Sie konzentrierte sich auf den Weg vor sich, um nicht umzuknicken, denn sie hatte mit dem Gleichgewicht zu kämpfen. War das noch der Restalkohol? Oder die Müdigkeit? Sie stand doch sonst nicht so neben sich, wenn sie nachts mal aufs Klo musste.
Finley schwenkte nach wenigen Metern nach links und hielt schnurstracks auf die Nachbarjurte zu.
„He!“, zischte Maisie, hoffentlich so laut, damit er sie hörte, aber leise genug, um niemanden aufzuwecken. „Da kannst du nicht einfach so rein.“
Anstatt zu antworten, gab er ihr mit einer Geste zu verstehen, ihm zu folgen. Eine Sekunde später war er durch die angelehnte Tür in die Jurte geschlüpft.
So ein verdammter Mist! Ich hoffe inständig, dass die Bewohner der Jurte einen guten Schlaf haben und Finley eine noch bessere Erklärung für sein albernes Verhalten hat.
Maisie holte noch einmal tief Luft und quetschte sich dann durch den Türspalt ins Innere des Zelts.
Dort war es wieder so dunkel, dass sie zunächst nicht viel sah. Einzig der Lichtkegel der Stirnlampe erhellte den Raum. Finley stand neben dem ausladenden Messingbett, über das ein riesiger Betthimmel gespannt war. Diese Jurte war, soweit Maisie das bei den Lichtverhältnissen erahnen konnte, anders eingerichtet als die nebenan, im selben Stil zwar, aber mit anderen Möbelstücken. Es gab ein kleines Sitzbänkchen am Fußende des Bettes, einen Spiegeltisch mit Emaille-Waschbecken, einen gemütlichen Sessel und einen runden Tisch mit zwei Korbstühlen.
Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Sie trat neben Finley ans Bett.
„Finley! Was soll das?“, zischte sie leise.
Er sah sie an. Maisie erkannte, dass seine Augen vor Schreck weit geöffnet waren. „Schau doch!“ Dann drehte er den Kopf und damit den Lichtkegel der Stirnlampe und leuchtete direkt auf die Matratze.
Im Bett lagen zwei Menschen. Der eine, eindeutig ein Mann, ruhte auf dem Rücken. Die andere Gestalt, zierlicher und damit vermutlich eine Frau, lag auf dem Bauch. Die beiden Körper waren eng aneinander gekuschelt, als würden sie noch im Schlaf die Nähe des anderen suchen.
Unglücklicherweise sah Maisie auf den ersten Blick, dass die beiden Liebenden im Bett unmöglich schlafen konnten. Ihre Haut war fahl und wirkte im Schein der Lampe wächsern. Die Oberkörper hoben und senkten sich nicht, wie man es von zwei Schlafenden erwartet hätte. Das Schwert, das im Rücken der Frau steckte, ließ keinen Zweifel, dass sie nicht mehr am Leben war. Auch der Mann an ihrer Seite war eindeutig nicht mehr unter den Lebenden. Maisie konnten keinen Puls fühlen, und seine Haut fühlte sich kalt an.
„Der König ist tot“, murmelte Maisie.
Und Finley flüsterte: „Lang lebe der König.“