Leseprobe

 

Eva: Der Erste, die Zweite und der Zankapfel

Sie kann einem ja wirklich leidtun. Zuerst wird sie aus einer Rippe des Volltrottels gebastelt, der zu Hause nie aufräumt, beim Heiligen Vater den Schwanz einzieht und sich auch sonst wie ein ausgesprochener Spießer präsentiert.

Und dann auch noch diese puritanische Langeweile! Keine Sünde im Paradies, keine Verfehlungen, keine Reize, angeblich nicht mal Sex. Kurz: nichts, was auch nur ansatzweise spannend klingt. Ununterbrochene Harmonie, sieben neu geschaffene Tage lang, einer wie der andere – kein Wunder, dass der armen Eva da irgendwann so fad zumute ist, dass sie auf den Trick der Schlange reinfällt. Das passiert eben, wenn man Frauen unterfordert: Sie fangen an, sich selbst eine Beschäftigung zu suchen. Vermutlich wurde deswegen die Hausarbeit erfunden.

Vielleicht ist das Führen eines Haushalts aber auch noch ein Bestandteil der gottgegebenen Strafe, die Eva sich eingehandelt hat, als sie die angebotene Frucht der Sünde von der Schlange annahm. Ein blöder Fehler. Verantwortlich unter anderem für die Qualen der Geburt, wie das Buch Genesis berichtet: „Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.“

Schönen Dank auch, Eva. Neben der Periduralanästhesie zur Betäubung von Rückenmarksnerven gehen damit solche Folterwerkzeuge wie Fifty Shades of Grey auf dein Konto.

Aber mit dem bisschen Wehenschmerz und einem unbestimmten Verlangen ist es nicht getan. Gott fährt noch mehr Bestrafungen auf, zum Beispiel den Ackerbau und alles was dazugehört (Meniskusvorfälle, Mehltau, Monokulturen). Beziehungsprobleme („Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau“), Familienstreitigkeiten („Feindschaft setze ich zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs“), Hornhaut und Fußpilz („Dornen und Disteln lässt er dir wachsen“), Vegetarismus („und die Pflanzen des Feldes musst du essen“) und Glutenunverträglichkeit („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“) sind nur die Spitze des Eisbergs – ihre Auswirkungen (Das Familiengericht auf RTL, Seitanwürstchen, Low-Carb-Diäten) meist noch viel schlimmer. Offenbar hat Gott einen guten Deal mit Paartherapeuten, Podologen und der modernen Lebensmittelindustrie gemacht, als er den Sündenkatalog entwarf.

Sei’s drum. Wir sind raus aus dem Paradies. Und nicht nur wegen Eva, sondern auch wegen des Entwurfs, der ihr zur Seite gestellt wurde. Findet zumindest eine gewisse Frau de Beauvoir – die kennt sich aus mit berühmten Männern, die einem ständig im Licht stehen. Und sie ist der Meinung, dass die Schöpfung erst durch die Erschaffung von Eva völlig gelungen sei.

Was dieser Langweiler Adam einfach nicht begriffen hat: Frauen wollen Draufgänger. Keine Typen, die sich hinter dem Gottvater verstecken und die Schuld auf die anderen schieben. Wäre Adam cool gewesen, hätte er gesagt: „Vorsicht, Fräulein. Ich hab noch mehr Rippen!“ Das aber war von einem Prototypen nicht zu erwarten.

Selbst der bekannte Frauenhasser Nietzsche hat einmal gesagt: „Die Frau war Gottes zweiter Fehler.“ Es ist an dieser Stelle überflüssig, nach dem ersten zu fragen.

 

Nebenniere: Alle auf den Kleinen

Der Unterbauch war wie jeden Abend gut besucht. Aus den Boxen an der Wand dröhnte laute Musik, an der Decke zogen sich lange fleischfarbene Röhren entlang, Entlüftungsschächte, die der hitzige Atmosphäre hier drin jedoch wenig entgegenzusetzen hatten. Die Wände waren, genau wie der Tresen, in dunklem Rostrot gehalten. Hinter der Bar ragte ein hohes Regal bis zur Decke hinauf, in dem sich die Spirituosen befanden. Der linke Leberlappen stand davor und mixte einen Cocktail nach dem anderen. Er war ein drahtiger, beinahe schmächtiger kleiner Kerl namens Sinister, der die Drinks immer zügig zubereitete. Nicht wie sein Geschäftspartner Dexter, der rechte Leberlappen – ein fetter Kerl mit Wampe, der die meiste Zeit nur am Tresen rumlungerte und die anderen Organe anschnauzte. Auch das Zwerchfell mit dem traurigen Gesicht, das nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien und schon seit Ewigkeiten in diesem heruntergekommenen Laden arbeitete. Mit einem Tuch, das irgendwann einmal sauber gewesen war, wischte es gelangweilt über den Tresen, während es kaugummikauend in Richtung des rechten Leberlappens schaute.

„Was glotzt du so?“, maulte der und zog die Nase hoch. „Wenn ich nicht so ein verdammt netter Kerl wäre, hätte ich dich schon längst vor die Tür gesetzt. Bedien lieber die Gäste, bevor du einschläfst.“

Das Zwerchfell hickste einmal auf, dann lenkte es den Blick auf die beiden Typen, die auf den Barhockern vor dem Tresen hingen und in ihre leeren Gläser starrten. „Nochmal dasselbe?“

„Ich muss mal pinkeln“, sagte die Niere anstelle einer Antwort.

„Schon wieder?“ Die Gallenblase blickte mit trübem Blick von ihrem Glas auf. Dann lallte sie: „Duwars doch ebeners, oder nich?“ Sie sah sich um. „Wo is’n die Blase? Schonwieda voll?“

Die Niere sah zum Zwerchfell und hob das Glas. „Noch einen für mich. Und kann irgendjemand mal die beschissene Musik abstellen?“

Die Gallenblase drehte sich auf ihrem Barhocker um und sah in Richtung des DJ-Pults. Dort stand die quirlige Nebenniere, ein winziger kleiner Geselle, nicht größer als eine Kidneybohne, auf einer umgedrehten Getränkekiste. Das winzige Ärmchen hatte sie in Richtung Decke gereckt, mit dem Kopf nickte sie im Rhythmus des Lieds, das gerade lief. Dabei sang sie lautstark mit, sodass alle hier drin sie hören konnten: „Night Fever, Night Fever …!“

Offensichtlich war die Nebenniere das einzige Organ, dem die Musik gefiel, denn die Tanzfläche war gähnend leer. An der Seite befanden sich Vertiefungen in der Wand, wo andere Gäste in Zweier- oder Dreiergrüppchen herumlümmelten: die ungleichen Freunde Dünn-, Dick- und Zwölffingerdarm; der Magen, der andauernd sauer aufstießt, weshalb niemand bei ihm sitzen wollte; und die Milz, die dem Herzen über den Tisch hinweg verliebte Blicke zuwarf. Niemand nahm Notiz von den Bemühungen am DJ-Pult, was die Nebenniere jedoch nicht zu stören schien. Gerade ertönten die Takte des nächsten Lieds, und die Nebenniere griff zum Mikro und säuselte hinein: „Das ist für euch, Leute! Hier ist He-le-ne Fischer mit: Atemlos!“

„O mein Gott“, stöhnte der rechte Lungenflügel, der sich an einer der Poledance-Stangen räkelte und warf seiner linken Hälfte einen verzweifelten Blick zu. „Der Typ denkt echt, er hätte was drauf, dabei ist er der mieseste DJ der Welt!“

In diesem Augenblick warf die Nebenniere den Kopf in den Nacken und sang lautlos die ersten Zeilen des Songs mit, der gerade anlief.

Am Tresen schüttelte die Niere verständnislos den Kopf. „Kann mir mal einer sagen, warum dieser Loser an die Plattenteller kommt? Der hat hier doch nix zu melden!“

Das Zwerchfell blickte gelangweilt auf. „Der Resident DJ darf nur acht Stunden arbeiten, neue Gewerkschaftsrichtlinie.“

„Und weil das Herz nicht mehr so lange schuften darf, lassen sie diesen Stümper den Rhythmus vorgeben?“ Die Niere blickte angewidert auf. „Darauf brauch ich noch einen.“ Sie hob ihr Glas in Richtung des linken Leberlappens und nickte dann nach dorthin, wo die Gallenblase saß. „Aber der da hat genug, der macht jetzt mal Pause.“

„He!“, begehrte da die Gallenblase auf. „Ich ’nscheide selbs, wannich g’nug hab.“

„Übertreib es nicht“, knurrte die Niere, während sie dabei zusah, wie das Glas vor ihrer Nase wieder aufgefüllt wurde.

„Alter, was für ein geiler Abend!“, erklang da eine hohe Stimme von unten.

Die Niere, die das Glas gerade zum Mund gehoben hatte und trinken wollte, hielt inne und sah irritiert neben sich, wo die Nebenniere Anstalten machte, auf den Barhocker zu klettern.

„Der Platz ist besetzt.“

„Komm schon, Alter!“, rief die Nebenniere überdreht, machte es sich auf der Sitzfläche bequem und hielt die Hand zum High Five hin. „War’n ein paar geile Songs, oder?“

Ohne die in der Luft schwebende Hand zu beachten, drehte sich die Niere wieder zu ihrem Glas um. „Na ja.“

„Du musst doch zugeben, dass die Stimmung fast am Überkochen war, als ich an den Turntables gerockt habe“, sagte die Nebenniere im Brustton der Selbstüberschätzung, „da ging der Punk ab! Nicht so langsame Schwofmusik wie beim Herz. Das kann auch immer nur dasselbe spielen. Vor-zwo-drei, rück-zwo-drei, wie beim Seniorentänzchen.“

Die Nebenniere sah nach hinten, wo das Herz wieder das DJ-Pult übernommen und chillige R’n’B-Musik aufgelegt hatte. Sofort begann sich die Tanzfläche zu füllen, doch das entlockte ihr nur ein müdes Lächeln. „Alles Langweiler.“ Sie sah die Niere an. „Hej. Psst, komm mal her.“

„Hä?“

„Willst du was richtig Geiles ausprobieren? Hat keiner hier unten. Ich bin die Einzige, die es anbietet – und wenn du willst, machen wir halbe-halbe. Ich nutze deine Vertriebsstrukturen, du kriegst die Hälfte vom Gewinn.“

„Och, bitte, verpiss dich, Kleiner.“ Die Niere verzog angewidert das Gesicht.

„Nein, ich schwöre dir, das ist heißer Scheiß! Das müssen wir unbedingt verticken, da gibt es einen riesigen Markt für. Ich schwöre! Das ist ganz neu unter den Hormonen, das hat noch keiner. Das wird das gesamte System beeinflussen.“

Die Niere sah gelangweilt zu den beiden Leberlappen. „Interessiert mich nicht. Ich muss pinkeln.“ Sie hob erneut ihr Glas. „Noch einen.“

„Nein, nein, nein“, quiekte die Nebenniere vor Aufregung, „ich sag doch, das Zeug musst du probieren …“ Doch weiter kam sie nicht.

„Gar nichts muss ich“, schnauzte sie die Niere an. „Und jetzt verpiss dich. Ich will mich in Ruhe volllaufen lassen, da kann ich dein Geschwätz nicht gebrauchen.“ Sie wedelte mit der Hand, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. „Hau ab, Kleiner.“

„Hör auf, mich Kleiner zu nennen“, verlangte die Nebenniere, wobei ihre Stimme nun für alle am Tresen hörbar angespannt klang.

Die Leberlappen warfen sich einen vielsagenden Blick zu, doch die Niere hob unbeeindruckt das Glas und trank es in einem Zug aus. Dann stellte sie das leere Glas auf den Tresen, entließ einen lauten Rülpser in die alkoholgeschwängerte Luft und nickte dem Zwerchfell erneut zu. „Vollmachen.“

„Meinst du nicht, du hast genug …“, setzte das Zwerchfell an, wurde aber rüde von der Niere unterbrochen.

„Halt die Klappe und gieß ein!“

„He, he, he, ist doch alles kein Problem“, mischte sich da der rechte Leberlappen ein. „Gib ihm noch ein Glas, Schätzchen. Und schenk mir auch gleich eins ein.“

Das Zwerchfell seufzte und tat, worum man es gebeten hatte. „Du bist der Boss, Dex. Hicks.“

In diesem Moment richtete sich die Nebenniere auf ihrem Barhocker auf, was dazu führte, dass sie nun gerade so über den Tresen schauen konnte, und sagte: „Für mich auch, bitte.“

Die Niere verzog ihr Gesicht zu etwas, das man ein freudloses Lächeln nennen konnte. „Nix da.“

Verwirrt blickte die Nebenniere in Richtung ihres Sitznachbarn. „Was heißt hier nix da? Ich hab Durst, und ich will einen Drink.“

„Und ich will Renteneintritt mit 35“, mischte sich der rechte Leberlappen ein. „Du bleibst auf dem Trockenen sitzen, wenn der Chef es sagt.“

„Chef?“, keuchte die Nebenniere und verschluckte sich anschließend an ihrer Empörung. Sie musste ein paar Mal husten, was die anderen aber nicht weiter zur Kenntnis nahmen. Der linke Leberlappen wuselte hinter dem Tresen hin und her und bereitete weiter Cocktails zu, während der rechte Leberlappen mit ausdruckslosem Gesicht nach einem Handtuch und einem nassen Glas griff und es zu polieren anfing.

„Wer sagt, dass du der Chef bist, hä?“, wollte die Nebenniere aufgebracht wissen, als sie endlich wieder aufgehört hatte zu husten.

Die Niere lächelte mitleidig in Richtung der Nebenniere. „Diese Frage beantworte ich nicht.“

„Wir sind Partner, klar?“, keifte die Nebenniere, wobei kleine Spucketröpfchen durch die Luft schossen. „Wir entscheiden alles zusammen. Und wir sind gleich wichtig.“

Der rechte Leberlappen grinste schmierig. „Lass gut sein, Kleiner.“

Die Nebenniere lief scharlachrot an vor Wut. „Wir … sind … Partner!“, zischte sie. „Wir machen immer … fifty-fifty.“

Die Niere verzog das Gesicht und lachte kehlig und heiser. „Kleiner, wir machen nicht fifty-fifty.“

Die Nebenniere riss die Augen weit auf. „Was soll das heißen?“

„Das heißt“, sagte der rechte Leberlappen mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht, „dass sie der Boss ist und du gar nix. Lass gut sein, Kleiner. Man muss wissen, wenn man verloren hat.“ Damit schraubte er erneut die Flasche auf und goss sich und der Niere einen weiteren Schluck ein. Sie hoben die Gläser, prosteten sich zu und exten ihre Getränke.

„Wie kannst es wagen?“, brüllte da die Nebenniere und schlug mit der winzigen Faust auf den Tresen. „Ich bin für wichtige Prozesse in unserem System zuständig. Ich kümmere mich um alle Hormone. Ohne mich gäb‘s kein Adrenalin und kein Noradrenalin und kein Aldosteron … kein Cortisol und keine Androgene! Ohne mich würde hier gar nix laufen!“ Sie zeigte mit einer unbestimmten Geste in die Tiefen des Raums.

Rechter Leberlappen, Zwerchfell und Niere standen unbeweglich da und starrten die Nebenniere mit zweifelndem Ausdruck im Gesicht an. Der linke Leberlappen hatte seine Arbeit unterbrochen und hielt den Blick unverwandt auf die Nebenniere gerichtet. Selbst die Gallenblase schielte mitleidig auf das kleine Organ.

„Alter, das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“, wollte der linke Leberlappen wissen.

„Doch!“ Die Nebenniere nickte heftig. „Ich bin für viele Hormone und Stoffwechselprozesse zuständig, jawohl. Und was macht ihr? Ihr könnt doch … gar nix könnt ihr.“

Der rechte Leberlappen räusperte sich pikiert. „Freundchen, im Gegensatz zu dir sind wir überlebenswichtig.“

„Du machst nur … so die Entsorgung und so!“, schrie die Nebenniere. Dann wandte sie sich der Niere zu. „Und du nur Pisse!“

„Mag sein“, sagte die Niere unbeeindruckt. „Aber du bist ersetzbar. Ich nicht.“

Die Nebenniere riss die Augen auf. „Nimm das zurück!“

„Ist doch so.“ Die Niere zuckte mit der Schulter und wandte sich wieder dem Tresen zu. „Du bist verzichtbar. Deine Hormone können alle synthetisch ersetzt werden. Wenn einem von uns was zustößt …“ Sie zeigte mit dem leeren Glas auf die beiden Leberlappen und sich selbst. „Dann heißt es aus die Maus. Aber du … Nein, du bist wirklich niemand, den man nicht ersetzen könnte. Und deswegen sind Typen wie du in der Hackordnung auch viel weiter unten als die wichtigen Organe.“ Ihr Blick fiel auf das Zwerchfell. „Sorry, Schätzchen. Nimms nicht persönlich.“

Das Zwerchfell zuckte mit den Schultern und polierte weiter lustlos den Tresen.

„Du … Du … “, spuckte die Nebenniere aus, was allerdings nicht besonders bedrohlich wirkte, da sie weniger als ein Zehntel so groß war wie die Niere. „Ich will gleiche Anteile!“, forderte sie in einem Anflug von Wagemut. „Ich will fifty-fifty!“

Die Niere drehte sich auf ihrem Stuhl zur Nebenniere um. Ihr war anzusehen, dass sie keine Lust mehr hatte, weiter Diskussionen zu führen. Die Leberlappen hielten kollektiv die Luft an, und das Zwerchfell fing vor Aufregung an zu hicksen.

„Was habe ich dir getan, dass du mich so respektlos behandelst, he? Wir haben eine ganz klare Regel: Frag mich niemals nach meinen Geschäften!“

Die Nebenniere wurde tiefrot und begann sich aufzuplustern. „Das ist eine Regel, die du allein aufgestellt hast, du ganz allein. Ich hab niemals gesagt, dass ich …“

„Nun pass mal gut auf, du jämmerliches Würstchen“, unterbrach die Niere die Nebenniere mit einem Knurren, und ihre Stimme klang sehr wohl bedrohlich. „Erinnerst du dich noch, was mit dem Blinddarm passiert ist, als er versucht hat, das System zu untergraben?“

Die Nebenniere schluckte schwer. Alle wussten, was mit Appendix passiert war – er war nie mehr wiedergekommen, nachdem man sich „um ihn gekümmert hatte“, wie es hier unten hieß.

„Oder die Schilddrüse? Die hat auch gemeint, dass sie aufmucken kann. Aber dann …“ Die Niere fuhr sich mit dem Finger über den Hals. „Du weißt, wie wir mit solchen Typen verfahren. Hast du das verstanden?“

Die Nebenniere sagte nichts, starrte die Niere nur mit großen und vor Schreck geweiteten Augen an.

„Ob du das verstanden hast, habe ich gefragt!“, setzte die Niere mit schneidender Stimme nach.

In diesem Moment knickte die Nebenniere ein und nickte hastig. Sie senkte den Blick und ließ sich mit wackligen Knien wieder auf ihren Barhocker sinken. „Entschuldige bitte“, sagte sie kleinlaut. „Ich weiß ja, was ich dir alles zu verdanken habe. Ohne dich würde es mich nicht geben“, flüsterte sie und klammerte sich ängstlich am Tresen fest. Dann sah sie mit angsterfüllten Augen zur Niere auf. „Aber bitte entsorg mich nicht. Ich kann dir gute Dienste leisten. Und ich verspreche dir, ich werde nie wieder mehr Anteile einfordern. Nie wieder! Ab jetzt werde ich keinen Ärger mehr machen, versprochen. Du bist der Chef, okay? Du bist der Chef.“

Die Nebenniere hielt der Niere entschuldigend ihre zitternden Hände hin und wartete mit gesenktem Kopf, dass ein Urteil über sie gesprochen wurde.

Über das Gesicht der Niere huschte ein Lächeln. Sie ergriff die Hände der Nebenniere und drückte sie. „Vergeben und vergessen. Du gehörst doch zur Familie.“

Die Nebenniere seufzte erleichtert, und in ihren Augen schimmerten Tränen. Doch ihr Lächeln verblasste, als sie aufsah und den eiskalten Ausdruck im Gesicht der Niere sah.

„Irgendwann, möglicherweise aber auch nie, werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen. Hast du das verstanden?“

Die Nebenniere schluckte erneut schwer, dann senkte sie den Kopf und flüsterte: „Ja, ich habe verstanden …“ Und nach einer Sekunde des Schweigens fügte sie hinzu: „… Chef.“

Die Niere ließ die Hände der Nebenniere los und schob ihr Glas über den Tresen. An den linken Leberlappen gewandt sagte sie: „Nochmal vollmachen. Und jetzt muss ich endlich pinkeln. Hat irgendwer die verdammte Blase gesehen?“