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„Da vorn ist das Meer!“
Maisie zeigte auf den dünnen, blauen Streifen, der sich in einiger Entfernung vor ihnen am Horizont abzeichnete. Sunny, die hinter dem Steuer saß, hob den Blick von ihrem Handydisplay und folgte Maisies ausgestrecktem Arm.
„Ich bin so neidisch auf dich“, plapperte sie drauflos, während sie das Handy im Seitenfach ihres Autos verstaute und endlich wieder beide Hände aufs Lenkrad legte. „Du darfst arbeiten, wo andere Leute Urlaub machen.“
Maisie seufzte. Seit fast dreihundert Meilen versuchte ihr die Freundin den neuen Lebensmittelpunkt schmackhaft zu machen. Die frische Luft, die Nähe zum Meer, die schnuckeligen kleinen Dörfer, die sich an die Steilküste Cornwalls schmiegten. Dabei wünschte sich Maisie nichts mehr, als in London bleiben zu dürfen. Die pulsierende Metropole fehlte ihr, seitdem sie die nichtssagenden Londoner Vororte hinter sich gelassen hatten. Danach waren sie der M3 in Richtung Westen gefolgt, vorbei an Salisbury, Exeter und dem Dartmoor National Park. Fünf Stunden dauerte die Fahrt in dem altem Ford Fiesta bereits. Fünf Stunden, in denen Sunny aus dem Schwärmen gar nicht mehr herausgekommen war, und Maisie sich gefragt hatte, ob sie nicht lieber den Zug genommen hätte.
Aber nein. Sie war mehr als dankbar, dass die Freundin sie begleitete. Auch wenn Sunny eine Autofahrerin war, bei der man alle drei Minuten aufs Neue mit seinem Leben abschloss. Wenn sie nicht im Seitenfach nach einem Kaugummi kramte, spielte sie am Autoradio herum oder las Nachrichten von einem ihrer Liebhaber, die in regelmäßigen Abständen auf ihrem Smartphone eintrudelten. Gerne blätterte sie auch in einem der sieben mitgebrachten Reiseführer von Cornwall. Natürlich während der Fahrt. Bei alledem war sie durchgehend zehn Meilen pro Stunde schneller unterwegs als erlaubt. Dennoch ließ sie sich nicht dazu überreden, Maisie hinters Steuer zu lassen. Der Wagen sei eine zickige, alte Dame, hatte Sunny erklärt, und außerdem habe Maisie in der letzten Zeit doch genug Stress gehabt, da sei eine entspannte Autofahrt als Beifahrerin doch genau das Richtige.
Entspannt? Naja …
„Für ein paar Tage Urlaub ist Cornwall sicher schön“, erwiderte Maisie. „Aber ich bin nicht freiwillig hier, schon vergessen? Hoffentlich werde ich bald wieder nach London versetzt.“ Sie seufzte. „Ich frage mich immer noch, wie ich diesem windigen Tippgeber auf den Leim gehen konnte. Der war doch nur aufs Geld aus, das hätte ich wissen müssen!“
„Ach, du wirst sehen, du bist schneller wieder zurück, als du gucken kannst“, meinte Sunny mit einem Seitenblick auf Maisie. „Und wer weiß, vielleicht gefällt es dir hier ja doch ganz …“
„Halt an!“ Maisie riss reflexhaft die Arme nach vorn, um sich am Armaturenbrett abzustützen, und streckte das rechte Bein im Fußraum so weit aus, wie sie konnte. Nur dass da keine Bremse war, die sie hätte betätigen können.
Zum Glück stieg Sunny in die Eisen. Mit durchgedrückten Armen umklammerte sie das Lenkrad, den Blick starr nach vorn gerichtet, und brachte den alten Ford mit quietschenden Reifen zum Stehen. Der Motor knisterte, und es roch ein wenig nach verbranntem Gummi. Aber immerhin waren sie nicht in die Kuh hineingerauscht, die quer auf der kurvenreichen, zweispurigen Straße stand.
„Wie hab ich die übersehen können?“, fragte Sunny verblüfft.
Maisie schnallte sich ab. „Wenigstens hast du auf die Straße geguckt und nicht auf dein Handy!“