Leseprobe

 

Kapitel 11

„Ist es das, was ich denke?“ Ronny Lembke sah aus, als wäre er dem Leibhaftigen begegnet. Er hielt immer noch einen Sicherheitsabstand von gut einem Meter und traute sich offenbar nicht, dem Tier näher zu kommen.

„Das ist ein Elch“, antwortete Ellen.

„Das seh ich auch. Aber ist er … Kann es sein, dass er …“ Er beugte sich ein Stück nach vorn. „… tot ist?“

Ellen trat beherzt einen Schritt vor. Dann streckte sie den Fuß aus und tippte mit der Spitze vorsichtig gegen eines der langen Beine dieses Ungetüms, das da vor ihnen quer auf der Straße lag. Der Elch regte sich nicht.

„Ja. Der ist hopsgegangen.“

Ronny Lembke fuhr sich nachdenklich durchs Haar. „So ein Mist. Dabei sind wir gerade erst knapp sechzig Kilometer weit gekommen.“

Ellen schluckte ihr Entsetzen hinunter. Gerade einmal sechzig Kilometer? Ach du liebes bisschen! Wenn das so weiterginge, würden sie erst im Frühling in Ostereistedt ankommen.

„Können wir nicht einfach außenrumfahren?“, schlug sie vor.

Ronny Lembke stand da und musterte die Umgebung. „Keine Chance“, sagte er mit verkniffenem Gesicht. „Die Straße ist nicht breit genug, links und rechts sind Gräben …“

Ellen sah sich um. Tatsächlich war der Weg ausgerechnet an dieser Stelle besonders schmal, und dort, wo der Asphalt endete, fiel die Straße jäh um einen halben Meter ab. Sie würden vielleicht in den Graben hineinkommen – aber wieder raus?

Sie lief zum Auto und warf einen Blick in die Landkarte. Es half alles nichts – es gab hier oben tatsächlich nur eine einzige Straße, die sie nehmen konnten, die E69, die in verschlungenen Kurven an der Küste entlang in Richtung Süden führte. Und die war nun von einem Elch versperrt.

„Ich weiß gar nicht, was diese Viecher hier überhaupt machen“, sprach Ronny Lembke weiter. „Hier gibt es doch nirgendwo Wälder oder so. Der hat doch hier eigentlich nichts zu suchen.“

„Na, dann geht es ihm wie mir“, murmelte Ellen leise, stiefelte einmal um den Kadaver herum und betrachtete ihn von allen Seiten.

Nie im Leben hätte sie geglaubt, dass Elche dermaßen groß waren. Der Rumpf war riesig und erinnerte sie entfernt an den einer Kuh. Allerdings auf irre langen, dürren Stelzen. Es war ihr ein Rätsel, wie sich das Trumm in lebendigem Zustand auf solchen Beinen halten konnte. Und dazu noch dieser gigantisch große Kopf mit dem ausladenden Geweih daran – wie pelzige Baggerschaufeln. Je länger Ellen den Elch musterte, umso mehr erinnerte er sie an die Kastanientierchen, die Klaas und Stine mit ihr gebastelt hatten, wenn sie im Herbst in Ostereistedt zu Besuch gewesen waren. Damals, als Mobilfunknetz noch nicht Teil ihres Vokabulars gewesen war.

„Vorbei kommen wir also nicht“, stellte Ellen fest und vermaß zur Sicherheit noch mal mit langen Schritten den Abstand zwischen querliegendem Elch und Straßenrand. „Vielleicht obendrüber? Oder wir lassen den Wohnwagen doch da …“

Ronny Lembke warf ihr einen Blick zu, der – hätte man ihn in Worte gefasst – vermutlich zur Beleidigung gereicht hätte. Dann sah er sich hilfesuchend um. „Und es ist natürlich auch nicht so, als würden hier alle naselang Leute vorbeifahren …“

Ellen spitzte die Ohren. Nein, außer der Meeresbrandung und dem leichten Wind war nichts zu hören.

„Wir könnten ihn wegziehen“, schlug sie vor.

Ihr Begleiter sah sie skeptisch an. „Das Vieh wiegt mindestens fünfhundert Kilo, und ich hab’s ein bisschen im Rücken. Außerdem fass ich so was nicht an.“

Ellen verdrehte die Augen – und hatte im selben Moment eine Idee. Sie lief zum Wohnwagen, schloss auf und hüpfte hinein. Aus dem Küchenoberschrank nahm sie zwei Topflappen. Derart bewaffnet kehrte sie zurück zu Ronny Lembke.

„Damit vielleicht?“

Inzwischen wirkte selbst der sonst so entspannte Ronny Lembke leicht genervt. „Fünfhundert Kilo? Da helfen nicht mal Topflappen.“

„Wir könnten es doch wenigstens versuchen“, meinte Ellen. Sie war nicht willens, so schnell die Flinte ins Korn zu werfen. Oh nein, sie würde sich die Chance auf einen Neuanfang doch nicht von einem toten Elch versauen lassen! Mit fünfundfünfzig war sie viel zu jung, um neben einem selbstverliebten Lokalpolitikfuzzi vor sich hin zu welken. Dann doch lieber neben einem Mann wie …

Wie kam sie denn jetzt darauf?!

Ein Mann wie Tom Blessington, ihr Nachbar … Auch wenn die Vorstellung natürlich komplett hypothetisch war.

Sie drückte Ronny Lembke die Topflappen in die Hand und baute sich vor dem gewaltigen Geweih des Tiers auf. Mit einem leichten Schaudern bückte sie sich und legte beide Hände um die flauschige linke Geweihgabel. Seufzend bezog Ronny neben ihr Stellung. Dann legte er die Topflappen unter seiner rechten Hand zurecht und ging ebenfalls in Position.

„Auf drei“, murmelte Ellen. „Eins, zwei … drei!“

Mit ihrem ganzen Gewicht stemmten sie sich gegen den riesigen Schädel. Doch außer dass der Kopf ein wenig ruckelte, passierte nichts. Das Vieh wog mehr, als zwei erwachsene Menschen in Bewegung setzen konnten.

Ellen richtete sich auf. „Verdammter Mist.“ Allmählich sah selbst sie ein, dass sie beide nichts würden ausrichten können. Sie sah zu ihrem Fahrer hinüber. „Und jetzt?“

„Wir könnten ihn zerteilen“, schlug er vor, während er sich mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht den unteren Rücken massierte.

„Womit denn? Mit zwei Campingküchen-Dessertgabeln? Oder meinen Sie, der Pfannenwender wäre vielleicht besser geeignet? Außerdem gibt das eine Riesensauerei“, bemerkte Ellen trocken. „Waren Sie überhaupt schon mal bei einer Schlachtung dabei?“

Ronny Lembke winkte ab. „Ich kauf Fleisch ausschließlich im Supermarkt. Und da ist dann im Rinderhack angeblich Pferd drin.“

Ellen schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich will Sie wirklich nicht enttäuschen, aber Hackfleisch herzustellen ist wesentlich mühsamer, als nur zwei Rumpsteaks rauszuschnei…“

„ROOOAARRRRAAOOR!“, meldete sich der Magen ihres Reisegefährten zu Wort.

„Aber Köttbullar stehen doch sowieso nicht auf Ihrem Diätplan, oder?“

Ronny Lembke schüttelte immer verzweifelter den Kopf. „Nein.“

„Wären aber natürlich lecker. So mit einer feinen Preiselbeersoße, dazu ein paar Kartöffelchen anbraten …“, fantasierte Ellen weiter und warf einen prüfenden Blick auf die Uhr. Es war noch nicht mal elf, trotzdem hatte sie jetzt Lust auf etwas Herzhaftes. Etwas richtig Herzhaftes mit viel Butter, Sahne und mit Kalorien, damit es auch nach etwas schmeckte. Nicht wie die ganzen beknackten Diätprodukte, die sie all die Jahre gekauft und verkocht hatte, damit Hans sein Gewicht hielt und weiter in seine langweiligen Bürgermeisteranzüge passte.

Warum nur hatte sie sich jahrelang die Butter vom Brot nehmen lassen? Nur um ihrem Mann mit gutem Beispiel voranzugehen? Als hätte das etwas genützt! Denn kaum hatte sie ihm den Rücken zugekehrt, hatte er sich doch den Fettrand in den Mund geschoben, den sie zuvor von ihrem Schinken abgeschnitten hatte. Kein Wunder, dass er einen Herzinfarkt bekommen hatte. Er hatte seiner Pumpe doch einen ebensolchen Fettrand angefressen, wie ihn der Schinken hatte, den Ellen nur bei Metzger Kloppstock kaufte. Auf den Herzinfarkt hatte Hans doch lange hintrainiert – während sie ihm einen Vortrag nach dem anderen gehalten hatte über Cholesterinwerte, Kalorientabellen, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, ohne dass es auch nur ein winziges bisschen gefruchtet hätte.

Nachdem Ronny Lembkes Magen ein weiteres Mal geröhrt hatte, stellte sein Besitzer fest: „Da müssten wir aber sehr lange essen, bis wir genügend Platz zum Vorbeifahren hätten.“

Ellen lief zurück zum Auto. „Gibt es denn da keinen Notfallplan? Der ADAC muss doch auf so was vorbereitet sein.“ Sie zog ihr Tourenset heraus und blätterte durch die Unterlagen. „Hm, hier steht rein gar nichts zum Thema Elch. Oh, doch, da …“ Dann las sie laut vor: „Wildunfälle müssen umgehend der Polizei gemeldet werden, auch wenn das Tier nicht verletzt wurde. Die Unfallstelle muss markiert werden.“

„Scheiße.“ Ronny Lembke fuhr sich erneut durchs Haar. Diesmal sah er wirklich verzweifelt aus. „Wenn wir die Bullen rufen müssen, reißt die Schmieder mir den Kopf ab. Die glaubt mir doch im Leben nicht, dass ich den Elch nicht über den Haufen gefahren habe.“

Ellen war hin- und hergerissen. Einerseits verlangte ihr Pflichtgefühl, umgehend das Mobiltelefon zu zücken und der Polizei den Zwischenfall zu melden. Andererseits kostete es sie ohnehin schon höchste Überwindung, den Wohnwagen nicht einfach abzukoppeln, mit dem Volvo über das tote Vieh drüberzubrettern und auf direktem Weg nach Hause zu donnern.

Ellen, ermahnte sie sich, du darfst jetzt nicht durchdrehen.

„Wir rufen trotzdem bei der Polizei an“, beschloss sie.

„Aber wir hatten doch gar keinen Wildunfall …“

„Ähm? Der Elch liegt doch direkt vor uns.“

„Der lag doch bereits da, als wir gekommen sind!“

„Na und? Das ist doch Haarspalterei.“ Ellen schnaubte.

„Außerdem wurde das Tier auch gar nicht verletzt“, gab Ronny Lembke zu bedenken.

„Und wie nennen Sie das dann?“

„Frau Bornemann, der Elch ist tot.“

„Tot ist doch noch viel mehr als verletzt.“

Ronny Lembke seufzte. „Wir kommen hier nie weg, wenn wir das melden. Dabei haben Sie es doch so eilig.“ Er zog weinerlich die Augenbrauen zusammen, so dass er aussah wie einer von Beates Mopswelpen. Mit Beate war Ellen ein paar Jahre lang zur Rückengymnastik gegangen. „Wir sind doch erst so wenige Kilometer unterwegs …“

„Tja, aber zaubern kann ich ja nun auch wieder nicht.“ Nachdenklich sah sie auf den Elch hinab.

„Rooarroaoar“, rief Ronny Lembkes Magen sich erneut in Erinnerung.

„Wissen Sie was?“ Auch Ellen verspürte inzwischen ein deutliches Ziehen in der Magengegend. Diese ganzen verwirrenden Gedanken von Wildgerichten mit Preiselbeersoße hatten sie ganz hungrig gemacht. „Wir können doch gerade eh nichts daran ändern. Und mit vollem Bauch denkt es sich leichter. Deswegen schlage ich vor, ich richte uns eine Kleinigkeit zu essen, und dann sehen wir weiter.“

Es war, als wäre eine Lampe hinter Ronny Lembkes Stirn angegangen. Seine Miene hatte sich derart aufgehellt, dass Ellen schon befürchtete, er würde ihr gleich in die Arme sinken. Tat er aber nicht. Stattdessen drückte er ihr die Topflappen in die Hand und sagte dankbar: „Das ist eine wunderbare Idee.“