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Die Standuhr tickte laut vor sich hin und füllte so die unangenehme Stille, die sich in dem völlig überheizten Wohnzimmer von Penelope Fry breitmachte. Maisie warf einen Blick auf die violetten Sofakissen mit dem gerüschten Rand links und rechts neben sich und rutschte verlegen auf dem lavendelfarbenen Sofa hin und her. Nicht nur, dass in diesem Haus alles lila zu sein schien. Penelope Fry mochte es auch textil, und das bedeutete, dass jeder Gegenstand hier drin mit Stoff überzogen war. Auf den Tischen lagen Deckchen in allen nur vorstellbaren Größen, das antike Wählscheibentelefon war mit Brokat überzogen, sogar zwischen Tasse und Untertasse fand sich ein kleines gehäkeltes Ding, welche Funktion es auch immer hatte. Der absolute Knaller waren die schweren, samtigen Teppiche, die auf der beigefarbenen Auslegeware lagen. Doppel-Teppiche, quasi.
Ich hoffe, ich habe keine Hausstauballergie oder sowas.
Sie warf einen Blick zu der alten Dame, die in einem riesigen Ohrensessel saß und sie durch die fingerdicken Brillengläser neugierig ansah. Penelope Fry war 99 Jahre alt. In wenigen Tagen würde sie ihren 100. Geburtstag feiern. Sie war winzig klein, keine eins fünfzig, und Maisie schätzte sie auf weniger als vierzig Kilo. Wenn sie ihm Sessel saß, berührten ihre Füße nicht mehr den Boden. Und dennoch thronte Penelope in ihrem Wohnzimmer wie eine Königin. Ihre Haltung war kerzengerade, und selbst wenn ihr Gesicht faltig war, schien ihr Verstand hellwach zu sein.
„Was willst du denn wissen, Schätzchen?“, fragte Penelope und lächelte Maisie an.
Die drehte an ihrem Stift. Die alte Dame hatte ihr gleich beim Reinkommen das Du angeboten. „Wenn man so alt ist wie ich, ist man älter als jeder. Also darf ich auch duzen, wen ich will“, war ihre einleuchtende Erklärung gewesen. Maisie indes fühlte sich komisch dabei, Penelope zu duzen – deswegen blieb sie bei Mrs Fry.
„Nun … also ehrlich gesagt …“ Sie wusste im Grunde gar nicht, was sie über den runden Geburtstag schreiben sollte. Das war nicht die Art von Journalismus, die sie machte. Aber da sie nun schon da war, wollte sie wenigstens eine interessante Story daraus machen. Sie nahm den Stift und nagte an seinem Ende herum. Wenn es ihr gelang, nicht nur über Penelope, sondern darüber zu schreiben, wie man so alt wurde, würde es vielleicht etwas werden.
„Was ist das Geheimnis eines so langen Lebens?“
Penelope Fry sah sie ruhig an. „Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, früh schlafen gehen, dreimal die Woche Sex und lügen, wenn man nach dem Alter gefragt wird.“
Maisie grinste. „Wann wurden Sie geboren?“
„Am 16. September 1920“, sagte Penelope. „Am selben Tag wurde ein schwerer Bombenanschlag an der Wall Street in New York verübt.“
„Ach.“ Maisie machte ein anerkennendes Gesicht. Auch wenn sie nicht wusste, was die Information wert war.
„Und einen Tag später kam Marjorie Holt auf die Welt. Kennst du die?“
Maisie schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider nein.“
„Ich auch nicht.“ Penelope Fry kicherte. „Aber so einen Unsinn liest man bei Wikipedia.“
Erneut musste Maisie lächeln. Die alte Dame war wirklich in Bestform und noch erstaunlich fit, wenn sie sich mit dem Internet auskannte. Nicht mal Maisies Mutter konnte unfallfrei eine Mail verschicken.
„Auch eines?“, wollte Penelope wissen und nahm sich ein Toffee aus der Schale mit den Süßigkeiten, die sie auf den Tisch neben den beiden Tassen gestellt hatte.
Maisie schüttelte hastig den Kopf. Der Backwettbewerb hatte ihr ein weiteres überflüssiges Kilo auf die Hüften gezaubert, welches es sich dort gleich gemütlich gemacht hatte und keine Anstalten machte, wieder zu verschwinden. Allein die vielen Probe-Scones, die sie von Lavinia vorgesetzt bekommen hatte.
„Wo steckt eigentlich Tom? Ich wette, er hatte keine Lust, selbst vorbeizukommen.“ Sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Dieses Faultier.“
Maisie lachte.
Penelope Fry sah Maisie eindringlich an. „Ganz im Ernst? Es ist totlangweilig, so alt zu sein, das kann ich dir sagen. Deswegen sterben die klugen Leute schon früher.“
Maisie schob den Stift in ihre Tasche und legte das Notizbuch beiseite. Ihr journalistischer Instinkt sagte ihr, dass sie sich besser auf das Gespräch mit Penelope konzentrierte, anstatt irgendwas zu notieren. „Wieso ist es langweilig, alt zu sein?“
Penelope Fry hob die Arme. „Es ist ja niemand mehr da! Die Jungen wollen mit uns alten Leuten nichts mehr zu tun haben. Kinder und Enkelkinder rufen auch nur selten an und kommen noch seltener vorbei … Altsein ist eine ziemlich einsame Angelegenheit.“
Wieder einmal wurde Maisie an ihre Eltern erinnert, bei denen sie sich schon allzu lange nicht mehr gemeldet hatte. Sie beschloss: Das würde sie ändern. So schnell ihr Handyempfang es zuließ.
„Wenn Sie 1920 geboren wurden, haben Sie den Zweiten Weltkrieg miterlebt.“
Mrs Fry nickte heftig. „Ich habe so einiges erlebt.“
„Wie fühlt es sich denn an, bald 100 Jahre alt zu werden?“
„Beschissen“, meinte Penelope Fry knapp. „Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich beim Zubinden der Schuhe überlege, was ich noch machen kann, wenn ich schon mal unten bin.“
Nun konnte Maisie nicht anders: Sie musste lauthals loslachen. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, sah Penelope Fry sie grinsend an. In ihren Augen funkelte der Schalk. „Es gibt aber auch gute Sachen, wenn man so eine alte Schachtel ist. Keiner nimmt einem noch irgendwas krumm. Man kann tun und lassen, was man will.“
„Was denn zum Beispiel?“, wollte Maisie giggelnd wissen.
„Furzen.“
Maisie prustete los.
„Ganz im Ernst. Seitdem du hier bist, habe ich bestimmt dreimal einen fahren lassen.“
Sie musste noch lauter lachen. Oh Mann!
„Ich sag immer, wenn ich gleichzeitig niese und pupse, macht mein Körper einen Screenshot.“
Es hätte nicht viel gefehlt, und Maisie hätte sich in die Hose gemacht vor Lachen. Die alte Dame saß in diesem für ihre Körperverhältnisse riesigen Ohrensessel und brachte einen Knaller nach dem anderen.
„Woher wissen Sie, was ein Screenshot ist?“
Mrs Fry sah sie beleidigt an. „Alt sein heißt nicht, hinter dem Mond zu leben.“ Sie zückte ein Smartphone der neusten Generation. „Mein Urenkel hat mir eines gekauft. Ich bin sogar auf Snapchat und habe elftausend Follower bei Instagram.“
Bevor Maisie ihre Bewunderung für Mrs Penelope Frys höchst unterhaltsame Lebenseinstellung zum Ausdruck bringen konnte, klingelte es an der Tür. Die alte Dame seufzte und brüllte in Richtung Eingangstür: „Wer stört?“
Anstelle einer Antwort klingelte es nochmal. Mrs Fry erhob sich stöhnend von ihrem Thron, schlüpfte in die geblümten Pantoffeln und schlurfte zur Tür. Maisie rieb sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln und grinste in sich hinein. Was für eine tolle Frau. Hoffentlich würde sie selbst im Alter auch mal so sein. Nur vielleicht ohne die Flatulenzen …
„Was machen Sie denn schon wieder hier?“
Maisie sah auf und rappelte sich im selben Augenblick vom Sofa hoch. Ethan Surley stand im Wohnzimmer. Die winzige Penelope Fry hievte sich gerade wieder desinteressiert in ihren Sessel und angelte nach einem weiteren Toffee.
„Dasselbe könnte ich Sie fragen“, knurrte Maisie den Inspector an. „Folgen Sie mir?“
„Pah!“ Er wandte sich Penelope Fry zu. „Mrs Fry, vielen Dank, dass Sie den Termin so schnell möglich gemacht haben.“
Sie blinzelte ihn hinter ihren dicken Brillengläsern an. „Gar nichts hab ich. Sie sind einfach so hier hereingeschneit.“
Er lächelte sauertöpfisch. „Nun, ich hätte da einige Fragen an Sie.“ Ethan Surley musterte Maisie abschätzig. „Unter vier Augen.“
„Miss Jacob bleibt“, verkündete Queen Penelope von ihrem Sessel aus. „Sie ist meine Biografin.“ Dabei nickte sie in royaler Anmut Maisie zu, die reflexhaft ihren Stift zückte und sich wieder aufs Sofa sinken ließ.
„Also gut.“ Ethan Surley begann, im Wohnzimmer auf und ab zu laufen. „Mrs Fry, besitzen Sie einen Waffenschein?“
Die alte Frau sah ihn ausdruckslos an. Dann antwortete Sie: „Mr Surley, ist das Wasser nass?“
Er schnaubte. „Antworten Sie bitte mit Ja oder Nein.“
„Also, besitzen Sie einen Waffenschein, Mrs Fry?“
Penelope Fry sah ihn an. „Ja“, meinte sie knapp – und furzte.
Maisie biss sich auf die Lippe, Ethan Surley guckte verdutzt. Trotzdem fuhr er mit der Befragung fort.
„Haben Sie eine Walther p99 in Ihrem Besitz?“
Die alte Dame zog eine Augenbraue hoch. „Nein.“
„Eine andere Waffe?“
„Ja, ich besitze eine Waffe“, antwortete Mrs Fry auf Surleys Frage, ohne eine Miene zu verziehen.
„Welche?“ Der Inspector hielt Distanz, seitdem er begriffen hatte, dass Mrs Fry während der Befragung pupste.
Diesmal antwortete sie nicht.
„Mrs Fry?“
„Sie haben gesagt, ich soll nur mit Ja oder Nein antworten.“
Maisie verkniff sich ein Lachen und beobachtete, wie Ethan Surleys Gesichtsfarbe einen ähnlichen Ton wie die violette Einrichtung des Zimmers einnahm, was entweder daher rührte, dass er die Luft anhielt oder sauer wurde. Er beugte sich ein Stück näher heran und wollte etwas sagen, entschied sich dann jedoch anders und ging wieder auf Abstand.
„Ich warne Sie, Mrs Fry.“
Die alte Dame lachte. „Sie warnen mich?“
„Ich werde Ihr Haus durchsuchen!“
„Tun Sie das, tun Sie das, Inspector“, meinte Penelope Fry zuvorkommend. „Wären Sie nur so freundlich, mir vorher den Durchsuchungsbefehl zu geben, den Sie doch ganz sicher dabeihaben?“
Mrs Fry und Inspector Surley starrten sich einen Moment lang an. Dann knurrte der Polizist, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte aus dem Wohnzimmer. Penelope Fry indes kuschelte sich tiefer in ihren Sessel und nahm sich noch einen Toffee. Sie grinste Maisie an. „Und was machen wir jetzt?“