Leseprobe

 

Liebe Mami,

ich beginne mit einem Geständnis: Das Mamisein meiner Traumwelt und das Mamisein in der Realität hatten anfangs nur wenig miteinander zu tun. Als mein Freund und ich beschlossen, dass wir Eltern werden wollten, konnte ich es fast nicht erwarten, mein Baby bald schon in den Armen zu halten. Ich stellte es mir in den schillerndsten Farben vor, wie es sich anfühlte, Mama zu sein. Harmonie, Glücksgefühle und eine noch nie empfundene unendliche Liebe – in meinem Kopf lief ein zuweilen doch etwas kitschiger Film ab. Meine Erwartungen an das Mamisein waren dementsprechend hoch. Immerhin hatte ich Freundinnen schon dabei beobachtet, wie sie Mutter wurden, hatte Geburtsberichte gehört, Bücher gelesen. Ich hatte das Gefühl, die am besten vorbereitetste zukünftige Mutter überhaupt zu sein!

Doch das Leben kann man nicht planen – und mit Kindern sowieso nicht. Das heißt, man kann es natürlich versuchen, aber es bringt nicht besonders viel. Im Prinzip fängt das schon bei der Zeugung an. Ich war mir damals sicher, sobald mein Freund Jens und ich die Verhütung weglassen, würde ich schneller schwanger werden, als ich gucken kann. Aber es wollte einfach nicht klappen, so sehr ich es mir auch wünschte. In der Zwischenzeit stieg ich aus der Serie „Alles, was zählt“ aus, in der ich die Pia Koch gespielt hatte, und konzentriere mich auf neue Jobs. Eigentlich hatte ich geplant, zu diesem Zeitpunkt schon längst schwanger zu sein. Aber wie sang John Lennon einst?

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“

Es dauerte jedoch fast anderthalb Jahre, bis ich endlich die zwei blauen Streifen auf dem Schwangerschaftstest erblicken durfte. Ich genoss es, in den kommenden Monaten meinem Körper bei der Veränderung zuzusehen. Je näher die Geburt rückte, desto häufiger wurde ich gefragt, ob ich Angst vor der Niederkunft habe. Hatte ich nicht. Ich machte mir gar nicht so viele Gedanken über die Geburt. Ich dachte mir: Ich bin eine Frau. Frauen kriegen Kinder. Und irgendwie kommt das Baby schon raus. Ich war mir auch sicher, keine Schmerzmittel oder PDA haben zu wollen. Ich schaff das schon, dachte ich. Ich atme die Wehen einfach weg.

Von wegen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass die so stark sein können! Wenn ich vorher gewusst hätte, welche Höllenschmerzen da auf einen zukommen, hätte ich den Mund vermutlich nicht so voll genommen und mich sehr viel mehr vor der Geburt gefürchtet.

Sei’s drum – am Ende wurde Ella mit einem Kaiserschnitt geboren. Das war meine erste Lektion in Sachen Mamisein: Du kannst so viel planen, wie du willst, am Ende kommt es sowieso vollkommen anders.

Der Tag der Geburt deines Kindes ist das einzige Blind Date, bei dem du dir sicher sein kannst, der Liebe deines Lebens zu begegnen.

Zuerst war ich zwar ein wenig enttäuscht, dass mein Baby per Kaiserschnitt auf die Welt kam, aber natürlich glücklich, dass das Leid endlich ein Ende hatte. Dachte ich zumindest damals. Ich war ja so naiv … Denn wie groß der Eingriff tatsächlich ist, hatte ich komplett unterschätzt. Da es den Kaiserschnitt in meiner Vorstellung nicht gab, hatte ich mich auch gar nicht weiter mit ihm beschäftigt. Mir war also gar nicht klar, dass ich in den ersten Tagen danach kaum in der Lage sein würde, das Bett zu verlassen, weil mir die schmerzenden Operationsnarben beinahe das Bewusstsein raubten.

Am zweiten Tag kam die Krankenschwester in mein Zimmer und sagte: „So, Frau Horn! Heute stehen wir mal auf und laufen vom Bett bis zur Toilette.“

Ich betrachtete die vier Meter und erwiderte im Brustton der Überzeugung: „Alles klar. Gar kein Problem.“ Dann versuchte ich, mich aufzurichten – und verspürte einen Schmerz, der mir fast den Atem nahm.

Die Schwester wartete neben dem Bett und sah mich auffordernd an. „Das wird schon. Wir versuchen es gleich noch einmal.“

Ich beugte mich ein zweites Mal nach vorn, um Schwung zu holen und die Beine aus dem Bett zu hieven. Doch kaum saß ich auf der Kante der Matratze, wurde mir so schwindelig und der Schmerz so heftig, dass ich das Gesicht verzog und zu jammern anfing. Irgendwann hatte die Krankenschwester ein Einsehen und ließ mich in Ruhe. Sie war zwar von eher robuster Natur, hatte aber offenbar begriffen, dass ich einfach noch nicht so weit war.

Auch die Tage danach waren einfach nur anstrengend. Die Hormone fluteten meinen Körper, ich war im siebten Himmel, weil verliebt in dieses kleine Wesen, unsere Tochter – und dennoch konnte ich kaum glauben, wie schlecht es mir körperlich ging.
Aber das war noch nicht der Höhepunkt, denn kaum dass wir entlassen wurden und nach Hause durften, ging der Spaß erst richtig los. Hier war niemand mehr, der mir dreimal am Tag Essen vor die Nase stellte und alles für mich übernahm, was ich nicht schaffte. Die ersten Wochen mit einem so kleinen Baby sind so intensiv! Ich bekam wenig Schlaf, meine Hormone fuhren Achterbahn, ich weinte andauernd. Oft zusammen mit Ella, wenn ich nicht wusste, was sie brauchte, und am Rand der Verzweiflung taumelte.

Natürlich hatte mir meine Hebamme im Vorfeld gesagt: „Es heißt Wochenbett, weil man diese Wochen im Bett verbringen sollte. Also schon dich und mach mal langsam.“
In der Theorie hörte sich das ganz wunderbar an, aber die Praxis sah natürlich anders aus. Denn nach ein paar Tagen zu Hause wurde ich, egal wie erschöpft und kaputt ich war, hibbelig und hatte das Gefühl, etwas machen zu müssen. Und zwar mehr als nur mein Kind versorgen und mir ab und zu mal die Haare waschen. Statt also die Zeiten, in denen Ella schlief, für eine Auszeit auf dem Sofa zu nutzen oder etwas nur für mich zu tun, begann ich Dinge zu erledigen. Ich lief herum, räumte auf, kümmerte mich wieder um meinen YouTube-Channel „The Isi Life“ … und übernahm mich total. Die Narbe tat andauernd weh und verheilte schlecht, noch dazu ging es beim Stillen steil bergab. Doch ich konnte nicht Ruhe geben! Als wollte ich mir und der Welt beweisen: Ich hab gerade ein Kind bekommen, na und? Seht her, ich bin Super-Isa! Ich kann alles.

Ich bin Mami. Und was sind deine Superkräfte?

Bald schon war ich vollkommen ausgelaugt und fertig. Klar, ich hatte vorher gewusst, dass es anstrengend werden würde. Aber es ist eine vollkommen andere Sache, davon zu reden, als plötzlich mittendrin zu stecken. Ich fühlte mich nach ein paar Wochen total überfordert und fragte mich andauernd, ob ich es falsch oder richtig machte. Konnte ich es als Mutter jetzt schon verkacken? Und vielleicht sogar meinem Baby damit schaden, dass ich doch liebte wie verrückt? Ich hatte fürchterliche Angst zu versagen und fühlte mich schlecht, weil mir alle immer nur von der wunderbaren Zeit des gemeinsamen Kennenlernens und Aufeinander-Einspielens erzählt hatten. Niemand hatte mir gesagt: Isa, das kann auch richtig scheiße werden. Du wirst nicht nur an deine Grenzen kommen, du gehst auch darüber hinaus.

Zugegeben, hätte mir das jemand vor der Geburt gesagt, dann hätte ich vermutlich abgewunken und mir meinen Teil dabei gedacht. Wenigstens wäre ich aber nicht so total unvorbereitet in diese Phase des Mamiseins hineingeschlittert. Zu wissen, dass es ganz normal ist, gerade in den ersten Wochen an seinem Verstand, an sich selbst und besonders an der Entscheidung zu (ver)zweifeln, unbedingt Mutter sein zu wollen, erleichtert mich heute sehr. Ich weiß mittlerweile, dass ich nicht die Einzige bin, die in den ersten Monaten nach der Geburt des ersten Kindes wahnsinnig zu kämpfen hatte.

Ich bin nicht dazu da, perfekt zu sein. Ich bin dazu da, um da zu sein.

Auch heute habe ich noch diese Momente, in denen ich nicht weiß, ob ich eine gute Mama bin. Aber sie werden seltener – und das macht mich stark. Ich weiß: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt nur richtig oder anders. Außerdem hilft es, dass Ella immer selbstständiger wird und sich zu einem gesunden kleinen Mädchen entwickelt. Es wird leichter mit jedem Tag, denn jeder Tag ist ein weiterer Tag, in dem ich Erfahrungen als Mami gesammelt habe.

Ich glaube mittlerweile, dass vor allem Gelassenheit gute Mütter aus uns macht. Blöderweise ist gelassen bleiben das absolut Schwierigste am Mamisein. Es gibt immer noch viel zu viele Situationen, in denen ich nicht weiß, ob ich mich richtig verhalte. Tue ich Ella gerade etwas Gutes oder nicht? Wie machen das andere? Und immer wieder die Frage: Bin ich eine gute Mutter?

Ich glaube, du wirst mir zustimmen, wenn ich sage: Eine Mutter, die ihr Kind liebt und es voller Vertrauen und positiver Unterstützung aufwachsen lässt, kann gar keine schlechte Mutter sein. Daher sollten wir Mamis uns viel mehr zutrauen. Instinktiv und intuitiv machen wir so vieles richtig, aber dann kommen die Außenwelt, die Medien und die anderen Mütter und alle laden ihre Ansprüche auf uns ab. Wir fühlen uns erdrückt und werden zunehmend unsicher. Dabei wissen wir doch eigentlich am besten, was für unsere Mäuse gut ist!

Hinter jedem großartigen Kind steht eine Mutter, die sich ziemlich sicher ist, alles falsch zu machen.

Bleib gelassen. Hör auf dein Bauchgefühl! Und mach dir keinen Stress, wenn etwas mal nicht klappt. Dein Baby kann noch nicht krabbeln, obwohl alle anderen es schon tun? Vielleicht ist es ein Spätzünder. Deine Kleine will ein halbes Jahr vor allen anderen Brei haben und keine Flasche mehr? Dann gib ihr, was sie braucht. Ich bin der Meinung, wenn du das tust, was du für das Richtige hältst, und siehst, dass es deinem Schatz dabei gut geht, kann es gar nicht falsch sein.

Es ist vollkommen normal, Selbstzweifel zu haben – denn mit dem Baby wird keine Anleitung geliefert, wie man es ordnungsgemäß erzieht. Alle wissen offenbar, was eine „gute“ Mutter ist, doch keiner kann es richtig erklären. Und warum? Weil es die „gute“ Mutter gar nicht gibt. Jede Mami ist anders, genau wie ihre Kinder. Und jede Frau geht unterschiedlich mit dem Stress um, der die Mutterschaft zwangsläufig begleitet. Leider wird in unserer Gesellschaft viel zu selten thematisiert, wie anstrengend und entbehrungsreich es sein kann, Mama zu sein. Das war natürlich auch schon vor einhundert Jahren so – wenn nicht sogar noch anstrengender -, doch heutzutage werden in den Medien nur superglückliche, superschlanke und supertolle Übermuttis gezeigt, die jede Minute ihres Lebens zu genießen scheinen und niemals am Ende ihrer Kräfte sind. Das macht es Frauen wie mir und Frauen wie dir so schwer zuzugeben, dass wir auch mal verzweifelt sind.

Und dabei will man ja immer alles gut machen! Mir kommt es jedoch manchmal so vor, dass man umso heftiger scheitert, je mehr man es versucht. Kaum denkt man: Jetzt hab ich den Dreh raus!, passiert wieder etwas Neues und man fängt von vorn an. Wenigstens bei mir fühlt sich das so an. Gerade haben Ella und ich eine neue Routine beim Einschlafen gefunden – zack!, hat sie einen Wachstumsschub und ist den ganzen Tag quengelig.

Gelassenheit ist die wichtigste Fähigkeit, die ich mir angeeignet habe, seitdem meine Tochter auf der Welt ist. Ich habe in den vergangenen Monaten gelernt, dass es Dinge gibt, die ich einfach nicht ändern kann. Mittlerweile gelingt es mir immer öfter, nicht in heillose Panik zu verfallen, wenn etwas Unerwartetes, Unerwünschtes oder Überraschendes passiert. So ist das eben, das Leben mit Kind! Nicht planbar.

Ich hoffe, dass dir mein Buch in den ersten zwölf Monaten mit deinem Kind ein guter Ratgeber und Begleiter ist. Viel Spaß beim Lesen wünscht dir

Isabell