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Nichts als Gespenster

Ich werde oft gefragt, wie ich arbeite. Die meisten Menschen haben ja eine hoffnungslos romantische Vorstellung vom Autorendasein. Sie stellen sich vor, wie die Autorin in einem wunderschönen Haus an einer noch schöneren Steilküste sitzt, eingewickelt in eine dicke, flauschige Decke, eine Tasse Tee in der Hand, und aus dem Fenster auf das tosende Meer sieht, während sie über die nächste großartige Idee für ihren Erfolgsbestseller schreibt. Es tut mir leid, wenn ich nun eine große Illusion zerstöre, aber mit Verlaub: Mein Leben sieht ganz und gar anders aus.

Zugegeben, manchmal sitze ich tatsächlich in einem Ferienhaus und schreibe. Aber ich habe keine Wolldecken und keine Aussicht aufs Meer, und mein Tee ist ein doppelter Espresso, ansonsten werde ich morgens nämlich nicht wach.

Außerdem schreibe ich nur etwa einmal im Jahr einen Roman. Die meiste Zeit bin ich mit Co-Autorenschaften und Ghostwritings beschäftigt. Das hat verschiedene Gründe. Denn das Verfassen von Romanen ist ein echter Knochenjob. Im Schnitt 300 Seiten, die ich fülle. Jeder Gedanke, den meine Figuren haben, jeder Dialog, jede Szene – alles entsteht in meinem Kopf und muss erst einmal durch unzählige Hirnwindungen wandern, ehe es den Weg aufs Papier findet. Romanschreiben ist anstrengend, und deshalb ist es mir nicht möglich, einen fiktiven Text nach dem anderen zu produzieren. Nach 300 Seiten bin ich wortwörtlich leergeschrieben.

Die meiste Zeit des Jahres schreibe ich deshalb für andere. Das hat einige Vorteile. Ich kann beispielsweise problemlos mehrere Projekte gleichzeitig jonglieren. Beim einen feile ich am Exposé, für das nächste führe ich gerade Interviews, und dazwischen setze ich mich hin, höre die Gespräche ab und verfasse das Manuskript. Ich weiß, dass es viele Autoren gibt, denen es leichter fällt, ein Projekt nach dem anderen abzuarbeiten. Ich hingegen liebe die Abwechslung.

Außerdem arbeite ich sehr, sehr gern mit Menschen zusammen – zumindest mit den meisten. Das Schreiben von Romanen ist ein recht einsames Geschäft. Denn selbst wenn Agenten, Lektoren, Autorenkollegen und Betaleser ihren Senf zu deinen Ergüssen abgeben, die Geschichte musst du am Ende des Tages eben doch alleine niederschreiben. Co-Autorenschaften oder Ghostwritings haben den enormen Vorteil, dass die Geschichte meistens schon da ist – es fehlt nur jemand, der sie in die richtige Form gießt. Und genau hier komme ich ins Spiel.

Jedes Buch ist anders, jeder Autor ist es ebenso. Bei manchen co-produzierten Büchern verfasse ich alles, vom ersten bis zum letzten Wort. Bei anderen bin ich eher der Sparringpartner, der hilft, eine Struktur zu entwickeln, Kapitelübersichten zu erstellen, die Botschaft des Werkes herauszuarbeiten und so weiter, und so fort. Oft werde ich gefragt: Aber nervt dich das nicht? Es ist ja dann nicht dein Buch. Und ich denke mir dann immer: Aber natürlich nicht. Genausowenig, wie meine Romane nur „mein“ Buch sind. Auch bei einem Roman sind unzählige Menschen an der Ideenfindung, Geschichtenentwicklung und Manuskripterstellung beteiligt. Ich glaube, es ist genau diese romantisch-verklärte Vorstellung, die ich oben beschrieben habe, die dazu beiträgt, dass Leser denken, ein Roman wäre ganz allein auf meinem Mist gewachsen.

Es tut mir leid, wenn ich nun eine große Illusion zerstöre. Aber die Sache mit der Wolldecke und der Steilküste ist nichts als Gespenster.

*Oben im Bild: Kein tosendes Meer weit und breit. Nur ein abgedeckter Pool und Olivenhain, soweit das Augen reicht. Ich gebe zu, es könnte mich schlimmer treffen.

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